Bad Urach Wirtschaftswunder und Frisöre

Der AK Stadtgeschichte widmet sich der Nachkriegszeit. Foto: Kirsten Oechsner
Der AK Stadtgeschichte widmet sich der Nachkriegszeit. Foto: Kirsten Oechsner
Bad Urach / KIRSTEN OECHSNER 09.11.2013
Für die Senioren ists eine Zeitreise in die Jugend. Junge Bad Uracher tauchen mit der Ausstellung "Neue Dinge, neue Zeit" dagegen in eine ferne Vergangenheit ein: Thema sind die Wirtschaftswunder-Jahre.

"Weißt du noch?", hieß eine immer wieder zu hörende Frage bei der Eröffnung einer Ausstellung, die bei den meisten Besuchern viele Erinnerungen heraufbeschwor - und das nicht nur allein wegen der zahlreichen Fotos von Gasthäusern oder Fabriken, die es längst nicht mehr gibt. Man suchte sich auf den Bildern, entdeckte Freunde und längst Vergessenes oder versuchte sich zu orientieren - das ist nicht immer einfach, denn die Stadt hat ihr Gesicht an vielen Stellen gravierend geändert. In den Vitrinen Alltagsgegenstände wie eine vermeintlich einfache Milchkanne, die einst eine große Bedeutung hatte: Meistens waren es nämlich die Kinder, die ins Milchhäusle geschickt wurden.

Es sind vor allem die persönlichen Erinnerungen, die der Arbeitskreis Geschichte mit der Ausstellung "Neue Dinge, neue Zeit - Urach in den 50er-Jahren" weckt. Und das ist laut der stellvertretenden Bürgermeisterin Marlene Eggert auch gut so: "Der lokale Bezug bringt uns diese Zeit näher und macht sie uns verständlicher, als es Geschichtsbücher je könnten."

So wird bei der Ausstellungseröffnung in der Schalterhalle der Kreissparkasse bei Ananas-Bowle und Häppchen nach Original-Rezepten von einst aus einem großen Fundus an persönlichen Geschichten geschöpft. Die Jahre der Besatzung und der Währungsreform, der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, des Aufbaus nach dem zweiten Weltkrieg und des so genannten Wirtschaftswunders sind für Heinz Reutter beispielsweise eng mit einem 1946 selbst gebauten Bob-Schlitten verbunden - immer noch ist er begeistert von den waghalsigen Fahrten auf den Steigen, die damals quasi noch autofrei waren. Gudrun Mailänder weiß noch ganz genau, wie einst in der Schule der Verdauungsmechanismus erklärt wurde - als Industriebetrieb. Das Schaubild existiert noch und auch ein Rechenschieber ist ausgestellt. Dieter Reichhold hat einst damit mathematische Aufgaben gelöst - undenkbar in Zeiten von High-Tech-Taschenrechner.

Die sind für Stefanie Leisentritt ebenso selbstverständlich wie hochmoderne Kaffeemaschinen statt Melitta-Filter aus Porzellan. Für sie bedeutete die Vorbereitung der Ausstellung - unter anderem waren auch Irene Herrmann, Ingeborg Hummel, Robert Knoblich und Ella Kühner daran beteiligt - ein Eintauchen in eine für sie ferne und die anderen Arbeitskreis-Mitglieder immer noch nahe Zeit. Auf Grund der Familiengeschichte kennt sie sich jedoch bestens mit dem Friseurhandwerk aus, trug entsprechende Objekte zur Ausstellung bei: "Friseure hatten eine soziale Funktion, bei ihnen wurden die Informationen ausgetauscht", erzählt sie.

Vielfältig sind die Ausstellungsstücke, reichen von Sesseln über Radios bis zu Kleidern, einem Leiterwagen und Skis. Für die Aktiven des Arbeitskreises Stadtgeschichte ein eher erholsames Thema nach der intensiven Beschäftigung mit dem Dritten Reich in Urach und der Herausgabe eines entsprechenden Buches. In eine Dokumentation soll auch die Auseinandersetzung mit den Jahren des Wirtschaftswunders münden, nun beginnen die Recherche-Arbeiten und die historische Forschung. Dabei sei der Begriff Wirtschaftswunder nicht immer passend, betonte Dr. Peter Sindlinger: "Die Zeit war von Mangel geprägt und die Menschen haben sich vieles absparen müssen", meint der Leiter des Arbeitskreises. "Es war nicht immer leicht, zurecht zu kommen."

Info Der Arbeitskreis Stadtgeschichte sucht interessierte Bürger, die sich mit Heimatforschung beschäftigen wollen. Er kommt ein Mal im Monat dienstags zusammen, weitere Informationen gibt es bei der Volkshochschule Bad Urach, Telefon: (0 71 25) 89 98.

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