Das Wetter forderte geradezu zu einem Spaziergang heraus, und man sah auch viele, die sich in der alten Residenzstadt umsahen, auch in größeren Gruppen. Am Marktbrunnen, den der heilige Christopherus krönt, fand sich allerdings nur eine sehr kleine Gruppe zusammen, um sich zu einem literarischen Spaziergang mit Anne Abelein und Petra Zwerenz zu treffen. Man durfte also gespannt sein auf Begegnungen mit literarischen Persönlichkeiten, deren Name mit Urach, das seit 1983 anerkannter Luftkurort und Heilbad ist, verbunden sind.

Natürlich ging es zuerst in den Stiftshof. Hier fand im 15. Jahrhundert die klösterliche Gemeinschaft der Brüder vom gemeinsamen Leben eine Heimstatt, hier absolvierte am evangelisch-theologischen Seminar Eduard Mörike seine Vorbereitung zum Theologiestudium. Mit 14 Jahren kam er hierher und Anne Abelein informierte über das strenge Regime, dem er sich zu unterwerfen hatte. "Ein biss'l von dem wäre heute nicht schlecht", bemerkte eine der Teilnehmerinnen. Anne Abelein ging auf Wilhelm Waiblinger ein, der ebenfalls im Seminar Gastschüler war und dann gleichfalls am Tübinger Stift studierte. Da las Petra Zwerenz aus den Erinnerungen von Johannes Mehrlin an diese Zeit.

Unmittelbar vor dem Stift befindet sich eine der 20 Stationen des Bad Uracher Poesiewegs, hier wurde natürlich Halt gemacht, nochmals auf Mörike und sein dort zu lesendes Gedicht verwiesen. Abelein sprach von der frühen Hinwendung Mörikes zur Naturlyrik, verwies auf Waiblingers Rat, diesem "großen Ziel" zu folgen. Und da war es wieder, das geliebte Tal, das Mörike 1827 in seinem Gedicht mit seiner unglücklichen Liebe verband.

An der Klostermühle, dem Stadtmuseum, machten die Teilnehmer unter dem Rauschen des alten Wasserrades Bekanntschaft mit Margarethe Hannsmann, ab 1967 Lebensgefährtin von HAP Grieshaber. Ihre Beziehung zu Bad Urach führte damit zu einem Sprung in eine ganz andere Zeit, brachte den Reiz der Wirkung Bad Urachs in größere Zeiträume ins Bewusstsein.

Weiter ging es zum alten Friedhof, der hinter der Barbara-Gonzaga-Gemeinschaftsschule liegt. Hier ging es um Philipp Nicodemus Frischlin, ebenfalls Stipendiat am Tübinger Stift, der nach einer gegen den württembergischen Hof gerichteten Streitschrift auf dem Hohenurach eingekerkert wurde und bei einem Fluchtversuch im November 1590 abstürzte und sich das Genick brach. Ein "Kurzer Bericht vom Todesfall Nicodemus Frischlins" von Hans-Joachim Schädlich, einem regimekritischen Schriftsteller der DDR, der 1977 in die Bundesrepublik übersiedelte, gelesen von Petra Zwerenz, stellte Frischlins kritische Haltung in eine Beziehung zu eigener Erfahrung. Und mit Gustav Schwab, einem Vertreter der Schwäbischen Dichterschule, war man wieder beim Tübinger Stift, seinem Verhältnis zu Frischlin. Er hatte nämlich über dessen Tod geschrieben. Von Schwabs Beschreibung des Uracher Residenzschlosses war dann im Schlosshof und einer ruhigen Ecke im kleinen Park zu hören.

Der anschließende Weg zu einer weiteren Station des Poesiewegs, über dem Parkplatz hinter dem Bahnhof gelegen, führte zu Johannes R. Becher und seiner Beziehung zu Urach. Sein Aufenthalt in der Dichterkommune, roter Winkel genannt, zeigte auch in seiner Dichtung Wirkung. Sein Gedicht ließ allerdings nicht nur den Reiz von Landschaft und Stadt, sondern auch seine sozialkritische Haltung erkennen.

Mit einem Abendgedicht von Johann Georg Fischer, bekannt durch seine Reden an den Geburtstagen von Friedrich Schiller, endete der literarische Spaziergang.