Bad Urach/Metzingen Von uns lacht keiner

In Bad Urach hat der eiserne Besen der Polizei (hier der Leiter des Postens, Arthur Stotz) Positives bewirkt. Foto: Peter Kiedaisch
In Bad Urach hat der eiserne Besen der Polizei (hier der Leiter des Postens, Arthur Stotz) Positives bewirkt. Foto: Peter Kiedaisch
Bad Urach/Metzingen / PETER KIEDAISCH 23.11.2013
Die Polizei fühlt sich im Stich gelassen. Urteile wie das aus Balingen erschweren den Streifen, draußen respektiert zu werden. Es geht auch um den schmalen Grad zwischen Spießertum und Ruhebedürfnis.

So lange ist es noch nicht her, da mehrten sich in Bad Urach Vorfälle von nächtlicher Ruhestörung. Polizei und Stadtverwaltung nahmen die Beschwerden der Einwohner ernst, zusammen mit dem Gemeinderat und anderen Institutionen erarbeiteten sie eine Polizeiverordnung. Die Polizei war monatelang auch nachts präsent, mit Erfolg, wie alle Beteiligten sagen. Aber ist es überhaupt noch zeitgemäß, sich über nächtlichen Lärm zu beschweren? Arthur Stotz, der Leiter des Polizeipostens Bad Urach, sagt ja.

Herr Stotz, haben Sie von dem Balinger Urteil gehört?

ARTHUR STOTZ: Drei Mal. Am Mittwoch bekamen wir die Meldung über auf unseren dpa-Ticker, am Donnerstagfrüh habe ich es in der Zeitung gelesen, und abends hat die Landesschau darüber berichtet.

Hat Sie das Urteil geärgert?

STOTZ: Das auch, aber hauptsächlich hat mich der Tenor der Berichte wütend gemacht. Dass da die Frau ins Lächerliche gezogen wird, die es gewagt hat, die Polizei zu rufen, weil eine Gruppe Jugendlicher vor dem Haus Lärm macht. Nach dem Motto: Selbst schuld, über die Frau lacht jetzt die ganze Welt.

Als Außenstehender sieht man ja nur die Faktenlage, die in gestraffter Form so aussieht: 23 Uhr, auf der Straße unterhält sich jemand, es wird gelacht, schließlich ruft eine Anwohnerin die Polizei.

STOTZ: Wenn uns jemand anruft, dann hat das auch etwas mit Leidensdruck zu tun. Vermutlich leidet dort die ganze Familie schon lange, weil sie an einem von vielen Jugendlichen frequentierten Platz wohnt. Jetzt hat sie es gewagt, die Polizei zu rufen. Und dass an der Sache etwas dran ist, zeigt die Tatsache, dass alle von der Polizei dort angetroffenen Jugendlichen anstandslos 35 Euro Bußgeld bezahlt haben. Nur die 17-Jährige nicht.

Vielleicht ist der Papa Anwalt.

STOTZ: Kann sein. Die Sache ist die: Wenn die Richterin gesagt hätte, der Jugendlichen sei nicht nachzuweisen, dass sie laut war, dann hätte ich ja vollstes Verständnis. Aber es damit zu begründen, es sei kein Vorsatz zu erkennen, halte ich für bedenklich.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung, die Sie in Bad Urach gemacht haben?

STOTZ: Und weil ich in Metzingen im Neugreuth wohne, direkt am Spielplatz. Ich bin immer froh, wenn es freitag- oder samstagabends schüttet, was runterkommen kann. Denn wenn nicht, braucht man an Schlaf erst gar nicht denken.

Sie sind doch Polizist, das muss sich doch in Ihrem Viertel rumsprechen. Sagen die Jugendliche nicht, "da wohnt der Stotz, gehen wir lieber woanders hin"?

STOTZ: Ach was, die Gesellschaft entwickelt sich immer mehr in Richtung Rücksichtslosigkeit. Wenn man runter geht und um Ruhe bittet, wird man noch beleidigt.

Aber in Bad Urach hat es doch funktioniert.

STOTZ: Wir haben lange darum gekämpft, eine Polizeiverordnung zu bekommen. Das war wichtig, weil diese uns ermöglicht, unbürokratisch gegen solche Ruhestörer oder Randalierer vorzugehen.

Haben Sie viele derartige Delikte in der Kurstadt?

STOTZ: Nicht mehr viel, aber die Leute spüren jetzt: Die Strafe folgt schnell auf den Fuß.

Wenn Sie nachts wegen ruhestörenden Lärms gerufen werden, sind dann die Jugendlichen nicht schon durch Ihre Uniformen und Ihr Auftreten beeindruckt?

STOTZ: So war es mal, als ich noch jung war. Uns erwartet in der Regel so ein Spruch: "He Alter, was willst du von mir." Und wenn dann die Anzeige gegen sie vor Gericht eingestellt wird, werden sie beim nächsten Mal nur noch frecher.

Ein Grund mehr für Sie, dieses Balinger Urteil abzulehnen.

STOTZ: Ich kenne ja den genauen Wortlaut nicht, aber im Grunde brauchen wir Polizisten die Rückendeckung der Justiz. Sonst haben wir da draußen keine Chance. Glücklicherweise haben wir mit dem Amtsgericht Bad Urach in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht. Auch deswegen ist in Bad Urach vieles besser geworden. Außerdem haben wir eine zeitlang mit eisernem Besen gekehrt.

Wie sieht es in Metzingen aus?

STOTZ: Da hatten wir große Pro-bleme mit betrunkenen Jugendlichen. Die waren sehr und sind teilweise noch immer sehr respektlos. Etwas Ruhe ist durch konsequentes Anzeigenverhalten eingekehrt. Es wurde auch deswegen besser, weil einige von denen bemerkt haben, dass man auch schnell mal im Jugendarrest landet.

Vor allem, wenn die Querulanten radebrechend deutsch sprechen und auf den Hals ein Hakenkreuz tätowiert haben. Was aber, wenn Sie es mit einem Söhnchen oder Töchterchen aus gutem Hause zu tun bekommen, das sich in jungen Jahren schon die Eloquenz eines Konzernchefs angeeignet hat?

STOTZ: Da machen wir keinen Unterschied. Warum sollten wir? Kürzlich hatten wir eine 17-jährige Gymnasiastin. Die war betrunken und hat alle, also Rettungssanitäter und Polizisten, nur noch beleidigt. Sie verbrachte die Nacht im Arrest.

Wer putzt eigentlich die Zelle morgens?

STOTZ: Früher die, die sie verunreinigt haben. Heute dürfen wir das nicht mehr verlangen. Leider.

Als in Bad Urach viel über die Kriminalitätsstatistik und die nächtlichen Pöbeleien gesprochen und berichtet wurde, haben Sie den Anwohnern geraten, nicht zu zögern und Anzeige zu erstatten. Wie sehen Sie die Sache jetzt?

STOTZ: Genau so.

Die Leute sollen sich also wie Spießer verhalten.

STOTZ: Für die Jugendlichen bin ich bestimmt ein Spießer. Aber ich stehe dazu. Ich habe dieselben Rechte wie die Jugendlichen, von denen darf ich mindestens so viel Rücksicht einfordern wie die von mir. Und wenn ich nicht einschlafen kann, habe ich nicht nur ein privates Problem, ich kann dann auch am nächsten Tag meine Arbeit nicht ordentlich bewältigen. Welcher Chef fragt seinen Schichtarbeiter, ob er gut geschlafen hat? Nein, da bin ich gerne Spießer, da stehe ich dazu.

Früher, oder täuscht der Eindruck, da waren Spießer doch ganz andere Leute.

STOTZ: Früher gings auch nicht erst um 22 Uhr in die Stadt. Da sind wir schon fast wieder zurückgekommen. Heute wird bis dahin vorgeglüht. Darunter leiden sogar die Vereine. Die haben den Beginn ihrer Feste dem Zeitgeist angepasst und beginnen selten vor 22 Uhr. Mit der Folge, dass es bis 6 in der Früh geht. Und das wiederum führt dazu, dass sie keine Helfer mehr finden. Wer möchte sich bis 6 Uhr mit Betrunkenen rumärgern und dann auch noch aufräumen? Die Vereine klagen und haben sich sogar an unsere Abteilung für Prävention in Reutlingen gewandt. Zusammen haben sie die Kooperation Festveranstalter Alb ins Leben gerufen.

Waren Sie immer brav als Jugendlicher?

STOTZ: Wir haben auch unterm Maibaum gefeiert. Auch bei uns ist es mal 6 Uhr geworden, ehe wir nach Hause sind. Aber wir waren leise, wir sind nie grölend durch den Ort gezogen, das hätte die Dorfgemeinschaft nicht zugelassen.