Bad Urach Titania und ihr Zauberwald

Das Slany-Buch ist fertig, jetzt kann sich Stefanie Leisentritt verstärkt auf Uracher Themen stürzen. Foto: Peter Kiedaisch
Das Slany-Buch ist fertig, jetzt kann sich Stefanie Leisentritt verstärkt auf Uracher Themen stürzen. Foto: Peter Kiedaisch
Bad Urach / PETER KIEDAISCH 13.11.2013
Dieser Tage ist ein Buch erschienen. Es trägt den Titel "Industriedesign - Eine Erfolgsgeschichte" und stammt aus der Feder von Stefanie Leisentritt. Es handelt von Hans Erich Slany, einer Designerlegende.

Fast alles, was man seit den 1960er Jahren in die Hand nehmen kann, hat der dieser Tage in Esslingen verstorbene Hans Erich Slany entworfen. Um erst gar nicht in die Endlosschleife einer Aufzählung all dieser Dinge zu geraten: Mit "fast alles" ist auch fast alles gemeint. Eine Geschichte über diese Designerlegende ist nun im Sindlinger-Buchartz-Verlag erschienen. Co-Autorin (neben Slany selbst) ist die Uracherin Stefanie Leistentritt (28). Die studierte Historikerin war auch am Buch des VHS-Arbeitskreises Stadtgeschichte ("Urach in der Zeit des Nationalsozialismus") maßgeblich beteiligt. Bad Urach ist für Historiker offenbar ein weites Feld. Derzeit widmet sich der Arbeitskreis den Nachkriegsjahren.

Frau Leisentritt, wann dürfen die Uracher etwas über ihre eigene Nachkriesgszeit lesen?

STEFANIE LEISENTRITT: Wie es mit den 50er Jahren weitergeht, ist unklar. Bis jetzt haben wir nur eine Ausstellung dazu gezeigt, aber ohne wissenschaftlichen Hintergrund, wir haben einfach einige Gegenstände aus dieser Zeit gesammelt. Peter Sindlinger (der Leiter des AK Stadtgeschichte, die Red.) plant zwar so eine Aufmachung wie zum Thema Nationalsozialismus. Ob das klappt, kann man aber nicht sagen, auch wegen der Fusionsgespräche der Volkshochschulen Bad Urach und Münsingen.

Es geht ums Geld?

LEISENTRITT: Wir brauchen einen Druckkostenzuschuss. Außerdem: Ein Buch mache ich nicht ehrenamtlich. So etwas ist mit viel Arbeit verbunden. Zeitungsbände aus 15 Jahren, das Stadtarchiv Urach, Gemeinderatsprotokolle und das Staatsarchiv in Sigmaringen müssen ausgewertet und durchforstet werden.

Das hört sich nach viel Arbeit an.

LEISENTRITT: Material sichten, zusammenfassen, Themengebiete einteilen. Ja, da gibt es viel zu tun. Erschwerend kommt hinzu, dass wir im Arbeitskreis Stadtgeschichte einen eklatanten Mitgliedermangel haben. Wer möchte, darf also gern dazukommen. Wir treffen uns immer ein Mal im Monat, dienstagabends um 19 Uhr.

Und die 50er Jahre sind ja auch nicht so sperrig wie zuvor die NS-Zeit. Gab es denn nach der Veröffentlichung dieses Buchs keinen Ärger? Schließlich wimmelt es darin nur so von Namen, Daten und Fakten. Da könnte doch leicht jemand sich oder seine Familie in ein falsches Licht gerückt sehen.

LEISENTRITT: Nein, niemand hat sich beschwert. Das liegt aber auch daran, dass wir das Buch seriös gemacht haben. Ohne Anklage, rein wissenschaftlich. Namen haben wir genannt, aber ohne jemanden an den Pranger zu stellen.

Was macht mehr Spaß? Die dunkle Vergangenheit des Dritten Reiches aufzuwühlen oder mit dem Nachkriegs-Wirtschaftswunder zu kokettieren?

LEISENTRITT: Ich habe zu beiden Themen genügend Abstand und somit mit keinem ein Problem. Spannend sind beide. Wie viel Industrie es mal in Urach gab und wie viele Geschäfte, die heute schon vergessen sind!

Sie müssen ja auch Zeitzeugen befragen. Da müssen Sie ja tonnenweise Papier vollschreiben.

LEISENTRITT: Ich tippe das direkt in meinen Laptop. So habe ich es auch bei Slany gemacht. Der hat erzählt, erzählt, erzählt.

Er starb eine Woche vor Erscheinen des Buches über ihn im Alter von 87 Jahren. Hat er auf den Entwurf wenigstens noch draufschauen können? Und wenn ja, war ers zufrieden?

LEISENTRITT: Ja, das Buch hat ihm gefallen. Er wollte zwar immer alles umändern, aber das ist normal. Das hat wenigstens Verleger Peter Sindlinger gesagt. Das gelte insbesondere für ältere Leute.

Slany lebte in Esslingen. Gibt es für eine Historikerin wie Sie nicht auch in Ihrer Heimatstadt, Bad Urach, genügend Themen, die Sie beackern könnten?

LEISENTRITT: Oh ja, die Uracher Geschichte ist schlecht erforscht. Zwar hat Walter Röhm viel gemacht, aber in Buchform ist so viel noch nicht erschienen, da gibt es wenig. Sindlinger interessieren beispielsweise auch die 1960er und -70er Jahre. Aber auch die weiter zurückliegende Vergangenheit hat wahnsinnig viel zu bieten. Die Leinenweberei zum Beispiel. 2016 soll es zudem ein Buch über die Uracher Stadtgeschichte geben, rechtzeitig zur 700-Jahr-Feier. Das soll aber unter der Regie der Stadt entstehen.

Sie sind freiberuflich unterwegs. Gibt es außer Sindlinger-Burchartz noch andere Verlage, mit denen Sie zusammenarbeiten?

LEISENTRITT: Nein, aber ich habe im Residenzschloss eine 50-Prozent-Stelle.

Wie nennt sich Ihre genaue Stellenbezeichnung?

LEISENTRITT: Ich glaube immer noch Hilfskraft. Aber das umfasst eine ganze Menge: Kasse, Verwaltung, Veranstaltungen, Hochzeiten, und ich mache Führungen. Aber ohne Kostüm.

Warum nicht, haben die keine eng geschnittenen Kleider, die Ihnen passen würden?

LEISENTRIT: Daran liegt es nicht, aber die Rollen sind bereits vergeben.

Wie läufts denn im Schloss?

LEISENTRITT: Gut, die Besucherzahlen entwickeln sich ordentlich, Hochzeiten nehmen zu. Der Renner ist die Sonderführung "Feine Gesellschaft" mit Kaffee und Kuchen sowie der Putzfrau Rosi.

Was ist mit der Kammermagd Barbara?

LEISENTRITT: Die ist nach wie vor sehr beliebt. Nur Eugenie mit den Prunkschlitten hinkt etwas hinterher. Die ist halt nicht so lustig. Eugenie ist eine Hofdame aus dem Rokoko und spielt eine Rolle aus dem 18. Jahrhundert. Sie ist mehr für wirklich Geschichtsinteressierte.

Barbara nicht?

LEISENTRITT: Barbara ist unterhaltsamer, sie sieht auch mal über die Fakten hinweg und raunzt die Besucher an. Frauen etwa, die eine Hose tragen, bekommen etwas zu hören. Wenn da ein Jahrgang, alle so um die 70, kommt, lachen die sich kaputt. Eugenie ist distanzierter, eine echte Hofdame eben.

Wie kommen die Umbauarbeiten des Palmensaals wegen der geforderten Brandschutzmaßnahmen voran?

LEISENTRITT: Die Entscheidung, wann und wie saniert wird, trifft das Landes-Ministerium.

Dann fällt dieser repräsentative Raum auch für die nächsten Herbstlichen Musiktage aus?

LEISENTRITT: Bestimmt.

Das Slany-Buch ist fertig, was aus den Uracher Nachkriegsjahren wird, ist ungewiss: Woran arbeiten Sie derzeit, wenn Sie nicht im Schloss sind?

LEISENTRITT: Ich ordne einen Teil des Slany-Nachlasses, ansonsten habe ich noch mein Hobby als Ausgleich. Ich mache Schmuck aus Glassteinen, Glasperlen, Messingteilen und versilbertem Metall.

Mögen Sie kein Gold?

LEISENTRITT: Ich mache Schmuck im Vintage-Stil. Da passt Gold nicht. Mein Label heißt übrigens Titanias Zauberwald.

Titania?

LEISENTRITT: Eine Figur aus Shakespeares Sommernachtstraum, die Frau von Oberon.

Ach ja, jetzt fällts mir wieder ein. Sie sind also auch auf den von Blumen gesäumten Pfaden der Weltliteratur zu Hause?

LEISENTRITT: Weniger, ich habe eine Verfilmung aus dem Jahr 1932 gesehen, die mich beeindruckt hat.

So alte Schinken schauen Sie sich an?

LEISENTRITT: Ja, lieber als neue. Metropolis beispielsweise. Das passt ja auch besser zu einer Historikerin.

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