St. Johann Steueroasen auf der Alb

DR. EUGEN WENDLER 06.11.2012

In der "Deutschen Zeitung", die als unabhängiges Tageblatt für nationale Politik in der Reichshauptstadt Berlin herausgegeben wurde, findet sich in der Ausgabe vom 7. Dezember 1913 ein kurzer Bericht über die Albgemeinden Gächingen und Lonsingen, die wegen ihrer damaligen Steuerfreiheit als Steueroasen gelobt wurden. In dem Artikel heißt es: "Die Gemeinde Gächingen (Seelenzahl 567) erhebt keine Gemeindesteuern, auch kein Schulgeld. Vielmehr erhält jeder Bürger jährlich eine Geldgabe (in den letzten Jahren zirka 15 Mark) und eine Holzgabe aus den Überschüssen des Gemeindehaushaltes. Außerdem werden jährlich Rücklagen aus den überschüssigen Gemeindemitteln für gemeinnützige Zwecke gemacht (Wasserleitung, Kleinkinderschule). Auch erhält jeder Bürger vom Tag der Verheiratung ab auf Lebenszeit sieben Äcker unentgeltlich zur Bewirtschaftung ("Allmandteile", das heißt aus dem landwirtschaftlichen Gemeindeeigentum), die nach seinem Tod wieder der Gemeinde anheim fallen. Grund: Die Gemeinde hat umfangreichen Wald- und Feldbesitz. Für Güterspekulanten ist hier kein Boden. Der Darlehenskassenverein hat in seine Satzungen aufgenommen, dass, wer anlässlich der Auflassung eines Grundstücks etwas kauft, sofort ausgeschlossen wird, also ferner keinerlei Kredit zu erwarten hat. Das wirkt überaus heilsam. Ein im Gemeindebezirk gelegener, in Gant (das heißt, in Konkurs) geratener Hof wurde von der Gemeinde gekauft, wovon jetzt die Bürger allesamt den Nutzen haben.

Ähnlich liegen die Verhältnisse in der benachbarten Gemeinde Lonsingen, die ebenfalls großen Wald- und Feldbesitz hat: Keine Gemeindesteuern, kein Schulgeld, aber jedem Bürger jährlich eine Holzgabe. Und da sage noch einer, dass die Alb früher arm gewesen sei.