Bad Urach So schön kann Sünde sein

Felicitas Brunke.
Felicitas Brunke. © Foto: Susanne Eckstein
SUSANNE ECKSTEIN 28.10.2014
Mal was ganz anderes gabs jetzt beim Forum Junger Interpreten der Kreissparkasse: eine Chanson-Matinee in Bad Urach. Es sang die Mezzosopranistin Felicitas Brunke, begleitet von Hsu-Chen Su am Flügel.

Es kommt eher selten vor, dass eine junge Sängerin sich für die Chansons der 1920er und 1930er Jahre interessiert - noch seltener, dass eine diese Stücke kongenial interpretiert.

Felicitas Brunke, die an der Musikhochschule Karlsruhe studiert hat und erste Lorbeeren als Opernsängerin erntet, verfügt über das kabarettistische Talent - und über die Bandbreite, die die Gattung Chanson verlangt.

Ganz so ernst, wie es der Matinee-Titel "Die sieben Todsünden" versprach, durfte man das Programm nicht nehmen, auch wenn es den Sündenkatalog samt musikalischen Beleg-Titeln auflistete: Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.

Wie das, was "Sünde" heißt, in Frage gestellt werden kann, zeigte Felicitas Brunke mit Bert Brechts "Sieben Todsünden" zu Beginn. Auch wenn im Programm "Auszüge" stand, trug sie beinahe das ganze Stück vor; die sonst von einem Männerquartett gesungenen Kommentare der Familie rezitierte sie zur Klavierbegleitung. Hsu-Chen Su assistierte generell sicher, mit nuancenreichem Anschlag und viel Einfühlungsvermögen. Allerdings klang der Flügel für den relativ kleinen Raum hie und da zu laut.

In raschem Wechsel verkörperte die junge Sängerin nicht nur die beiden Annas ("ein Herz und ein Sparkassenbuch" - wie passend, gerade hier!): die gefühlvolle, am Gewinnstreben zerbrechende Anna 2 und die pragmatische Karrieristin Anna 1, sondern auch die Familie. In schmallippiger Diktion geißelte sie die vorgeblichen Verstöße gegen "die Gesetze, die da reich und glücklich machen". Nicht jeder/jede ist in der Lage, schnell und mühelos von unterschiedlichen Sprechstimmen in die Brust- und Kopfstimme und wieder zurück zu wechseln.

Felicitas Brunke kanns: männlich, weiblich, kindlich, falsch und ehrlich, voluminöse Mezzo-Lage und strahlender Sopran - Belcanto schlägt um in rauen Diseusenton, gefühlvoll in giftig, auch Mimik und Gestik spielen mit. Im zweiten Teil mit den ironischen alten Schlager-Nummern lässt sie ihrer kabarettistischen Ader freien Lauf und bringt das Publikum immer wieder aufs Neue zum Schmunzeln und Lachen. Was waren die Texte damals kurios! Und sie sind nach wie vor aktuell - sind mit den Krisen die 1920er zurückgekehrt?

Für den Hochmut stand ein (männlicher) "Pfau", zwischen Brust- und Kopfstimme wechselnd, krächzend, aufgerissenen Auges. Die Habgier kam mit "Benjamin, ich hab nichts anzuziehn" und einer Kleptomanin zu Wort ("Ach, wie mich das aufregt!").

Gleich dreimal ließ Felicitas Brunke die Wollust hoch leben, mit Titeln von Zarah Leander, Marlene Dietrich und Evelyn Künneke, sinnliche Aussprache und laszive Pausen inklusive. Wie schwer "In der Bar zum Krokodil" ist, konnte man daran ermessen, dass die Sängerin fast im Schnellsprech-Text hängen geblieben wäre; die mit gesenkter Stimme geraunte Schlusspointe "Das Weib war meine Alte!" löste große Heiterkeit aus.

Für den Zorn stand "der Nowak" und "Ich will keine Schokolade!", für die Völlerei Wiener "Mehlspeis" und die Cognacs für "Egon" - welch herzergreifender Jammer!

Zwar hat "Kann den Liebe Sünde sein" mit Neid nicht direkt zu tun, doch mit dem Hauptmotto um so mehr. Und wenn gar nichts hilft, wird zuletzt mit Georg Kreisler alles nicht Genehme abgelehnt: "Ich hab ka Lust." Leider auch die Zugabe - dem Jubel des Publikums zum Trotz.