Eningen Schlafes Schwester: Die Angst vor dem Schlummer

Riederich / Christina Hölz 07.11.2018

Es gibt viele Horrormomente im Leben der Christine Lichtenberg. Vor allem als Berufstätige hat es die heute 68-Jährige hart getroffen. Zum Beispiel, wenn sie als Pharmavertreterin von Arztpraxis zu Arztpraxis reiste – und eingeschlafen ist, kaum, dass sie im warmen Wartezimmer saß. Wie sie dann nachts Alpträume plagten, dieses Gefühl, mit einer Horde Schlangen zu kämpfen. Oder, wie sie mitten in einem Geschäftsessen von einer Schlummerattacke überfallen wurde. „Ich bin aufgewacht, als die Gabel auf den Teller knallte.“

Diese Situationen verdankt Christine Lichtenberg ihrer besonderen Krankheit. Die Eningerin leidet an Narkolepsie, im Volksmund auch Schlummersucht genannt. Der Schlaf kann sie ganz plötzlich überfallen. Jederzeit tagsüber, mitten in Gesprächen, in für andere unvorstellbaren Umständen. Dabei sieht niemand auf den ersten Blick eine Schlafkranke in dieser Frau. So, wie sie drauflos redet. Ohne Punkt und Komma, doch so geordnet, als hätte sie ihre Gedanken nacheinander aufgefädelt. Christine Lichtenberg hat Temperament, sie wirkt geistesgegenwärtig, hellwach und kann strukturiert erzählen. Doch dafür musste die Frau lange etwas tun. Immer wieder schluckte sie diese kleinen Tabletten, die die Müdigkeit verscheuchen und die Schlafattacken gar nicht erst zulassen.

In Deutschland kämpfen nach Angaben von Experten etwa 40 000 Menschen mit dem Schlaf, der sie ganz plötzlich niederstreckt. Narkolepsie ist ein chronisches Leiden, das in jedem Alter auftreten kann. Es gibt viele mögliche Ursachen für die Schlafkrankheit, vollständig erforscht ist sie nicht. Mediziner nehmen an, dass bei Schlummersüchtigen der Teil des Nervensystems nicht funktioniert, der Schlaf und Wachsein reguliert.

Narkolepsie ist nach dem gegenwärtigen Stand der Medizin nicht heilbar. Die Betroffenen haben zwar keine Schmerzen, doch sie sind in ihrer Lebensqualität beträchtlich eingeschränkt. Und ihr Leidensweg ist lang, nicht zuletzt deshalb, weil viele Mitmenschen kein Verständnis für die Tagschläfer zeigen.

Das hat auch Christine Lichtenberg erlebt. Als die Eningerin mit ihren ersten narkoleptischen Anfällen kämpfte, hat niemand sie so richtig ernst genommen. 15 war sie damals und noch Schülerin. Im Unterricht brach sie einfach zusammen, weil sie erfuhr, dass sie ein Referat halten sollte. „Ich lag da und konnte mich nicht mehr bewegen“. Kataplexien nennen die Mediziner diese für Schlummersüchtige so typischen Anfälle von Muskelschwäche.

Oft sacken die Kranken einfach zusammen, wenn die Gefühle in Aufruhr sind. „Wenn wir über einen Witz lachen, vor etwas Angst haben oder uns aufregen“, erzählt Christine Lichtenberg. Als Teenager ist sie verspottet worden ihrer Krankheit wegen.

„Geh’ doch mal früher ins Bett. Bleib nicht so lang in der Disco“ – das sind Sätze, mit denen jugendliche Narkoleptiker noch heute leben müssen, weiß die schlafkranke Frau.

Im Berufsleben kam es dann richtig dick für Lichtenberg, die sich in einem Autokonzern bis zur Bereichsleitersekretärin hochgearbeitet hatte. Am Anfang wusste niemand von ihrem Leiden. „Ich schlief auf der Toilette ein paar Minuten, danach war ich wieder fit“. Doch irgendwann ließen sich die Schlummerattacken nicht mehr verheimlichen. Die Kollegen mobbten Christine Lichtenberg. Sie verlor mehrere Arbeitsstellen. Ihre erste Ehe ging in die Brüche, weil ihr Mann nicht damit klarkam, dass sie nachts aufwachte und tagsüber ständig müde war.

Selbst Bekannte bezeichneten die junge Frau als faul, unterstellten ihr einen losen Lebensstil. Das Problem: „Ich konnte mich zu diesem Zeitpunkt nicht wehren, da ich keine gesicherte Diagnose hatte“.

Mit 28 Jahren entschließt sich Christine Lichtenberg, ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Sie schluckt 60 Schlaftabletten, liegt vier Tage im Koma. „Kein Arzt glaubte, dass ich überlebe. Wenn doch, würde ich ein Pflegefall bleiben, hieß es.“ Aber Lichtenberg wacht wieder auf, und zwar ohne weitere gesundheitliche Schäden. Für die Ärzte ein kleines Wunder – für die Narkoleptikerin der Ansporn, doch weiterzumachen. Dabei wusste noch immer niemand, wie krank Christine Lichtenberg wirklich war. Auch sie selbst nicht.

Bis sie mit etwa 40 Jahren ein Interview mit einem Narkoleptiker im Fernsehen sah. Zusammenbrüche, Tagesschlaf, Halluzinationen: Diese Symptome kannte sie nur zu gut. Sie wandte sich an die Deutsche Gesellschaft für Narkolepesie, den Bundesverband, den es seit 1978 gibt. Dort fand sie Unterstützung, wurde gleich an ein Schlaflabor vermittelt – und an die richtigen Fachärzte für Narkolepsie.

Heute, mit 68 Jahren, kann Christine Lichtenberg etwas besser mit ihrer Krankheit leben. Erstens sind die die Schlafforscher deutlich weiter als noch vor Jahrzehnten. Sie hat endlich eine Diagnose und auch die richtigen Medikamente. Zweitens ist sie als Rentnerin nicht mehr dem Druck des Berufslebens ausgesetzt.

Dennoch bleiben etliche Probleme, über die Christine Lichtenberg offen spricht: „Für den jeweiligen Partner ist es schwer, mit dieser Krankheit umzugehen“, urteilt sie. Während ihr Mann („er ist noch topfit“) gerne die Welt bereisen würde, kann Christine Lichtenberg da nicht mehr mithalten. Sie braucht viel Ruhe. Und ihren Schlaf. Auch tagsüber.

Info: Wer selbst an Narkolepsie leidet oder weitere Informationen über die Schlafkrankheit möchte, kann sich an Christine Lichtenberg wenden. Die Eningerin beantwortet als Betroffene Fragen und kann auch mit weiteren Ansprechpartnern und den Adressen von Fachmedizinern dienen.

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