Eduard Mörikes Gedicht „Besuch in Urach“ hat seinen Platz auf dem Uracher Poesieweg. Auch der ehemalige DDR-Kultusminister Johannes R. Becher hat seine Gefühle für die Stadt in das Gedicht „Urach oder der Wanderer aus Schwaben“ gepackt. Gestern sind auch die Zeilen der Bleichstetterin Tanja Greiner auf dem Poesieweg zu lesen, sie verfasste das Gedicht des Jahres, das  den Titel „Urach“ trägt. „Es war einfach eine Eingebung, das Gedicht zu schreiben“, erklärt die Siegerin des von der Stadt Bad Urach zum nunmehr fünften Mal ausgelobten Preises. Zumal der Anfang bereits gedanklich vorhanden war: „Alles beginnt, wenn das Tal enger wird: Bewaldete Hänge, Felsen am Trauf – wie Zahnreihen blitzen lächelnd auf die Stadt.“ Der Rest habe sich dann wie von selbst ergeben, erzählt Tanja Greiner über die Entstehung.

Von dem, was auf die Prämierung ihres Gedichts zum Besten des Jahres folgte, war die junge Mutter von zwei Jungs, die in Hülben als Jugend-Sozialarbeiterin arbeitet, überrascht: „Ich wusste nicht, dass das so offiziell enthüllt wird.“.

Mit knapp 25 Teilnehmern war der Kreis, der am Festakt teilnahm, wegen des schlechten Wetters recht klein: „Nur an der Eröffnung des Poesiewegs war das Wetter gut“, erinnerte sich Bad Urachs Kulturreferent Thomas Braun beim Start der Maiwanderung am Wasserfallparkplatz. Man sei es schon gewohnt, sich mit Regenschirmen ausrüsten zu müssen. Mit dieser eher ungeliebten „Tradition“ wolle man gerne brechen, mit einer anderen indes nicht: Vor dem Start stimmt die Runde auch gestern wieder „Der Mai ist gekommen an“, begleitet auf dem Akkordeon von Manfred Heider.

Kritik an Becher

Eigentlich ziert nur das Gedicht des Siegers für ein Jahr die Stele 5, doch 2017 gibt’s einen Sonderpreis: „Gewissenlose“ heißt ein von Walter Theis aus Metzingen verfasstes Gedicht, das sich auf Johannes R. Becher bezieht. Der verbrachte zehn Jahre in Folge seine Sommer im Roten Winkel in Urach, später wurde er erster Kultusminister in der DDR und verfasste deren Nationalhymne. Theis sieht den kommunistischen Politiker kritisch: „Als ihm das Staatsamt sein Gewissen raubte. Er scheiterte in Gänze, aber knapp.“ Aber, so der Verfasser: „Es war mir wichtig, dass das Gedicht versöhnlich endet.“ Bechers und Theis‘ Sonett sind gemeinsam bis Mai 2018 auf Stele 6 zu lesen.

Das Urach-Gedicht im Wortlaut


Das Urach-Gedicht des Jahres: Alles beginnt, wenn das Tal enger wird: Bewaldete Hänge, Felsen am Trauf – wie Zahnreihen, blitzen lächelnd auf die Stadt.

Wasser aus allen Richtungen, führen Alberlebnisse ins Tal, vereinen sich im Fluss, zur Ebene hin und nehmen mit was nicht bleiben mag.

Gern verweilt der Wind vor den Toren. Am Abend brennt die Kerze ruhig, die Stadt schmiegt sich an des Tales Wangen und fällt selbst in unruhigen Nächten nicht aus ihrem Bett.

Einen Sonderpreis erhielt Werner Theis, er schrieb ein Sonett über Johannes R. Becher, das ein Jahr lang unter Bechers Urach-Gedicht auf Stele 6 platziert ist.