Bad Urach Pilgerweg und Fußballgott, Odile und der Erstickungstod

GUDRUN SCHMIED 28.07.2014
Victoria Mack und Holger Schlosser gestalteten die vorletzte Lesung in diesem Jahr, Rose Deroussas und Brit Ruf beendeten anderntags mit ihren Beiträgen die Lesenächte 2014 vor der Schlossmühle.

Victoria Mack, die zum zweiten mal in Bad Urach las, widmete sich dem Buch "Pilgern auf Französisch" von Coline Serreau. Zu Beginn des Romans erfahren drei Geschwister, dass sie das Erbe ihrer Mutter nur antreten können, wenn sie gemeinsam den Jakobsweg gehen. Zunächst scheint dies für alle drei, den Unternehmer Pierre, die Lehrerin Clara und den Alkoholiker Claude, unvorstellbar. Doch nach kurzem intensivem Streit machen sie sich doch auf die Pilgerreise. Es kommt währenddessen zu Konfrontationen und Diskussionen unter den Geschwistern. Während Pierre und Clara ihre schwere Ausrüstung, Wasser und Proviant schleppen, ist Claude mit nichts als den Kleidern am Leib losgezogen, erfährt aber von den anderen Mitgliedern der Gruppe Unterstützung. Nach und nach ändert die Pilgerreise das Verhältnis der Geschwister zueinander, und selbst als sie eigentlich den Weg abbrechen dürften, gehen sie bis zum Ende mit.

Mehr als eine Lesung, eher ein Ein-Mann-Stück, war der Auftritt von Holger Schlosser. Der Eninger, der auch im Reutlinger Naturtheater auf der Bühne steht, bezog sich mit der Auswahl seines Textes auf die erfolgreiche Fußballweltmeisterschaft 2014. Der Autor Friedrich Christian Delius hat in seinem "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" dem legendären Endspiel der WM von 1954 ein Denkmal gesetzt. Schlosser las das Kapitel, das der Übertragung des Endspiels in Bern gewidmet ist.

Der Protagonist des Buchs, ein elfjähriger Junge, muss im väterlichen Arbeitszimmer im Pfarrhaus die Radioübertragung sehr leise hören, um die restlichen Bewohner im Haus nicht zu stören. Schlosser versetzt mit seiner Lesung die Zuhörer in die, auch den Jüngeren durchaus bekannte Situation des Endspiels. Mit der Stimme des Reporters Herbert Zimmermann und den ins kollektive Gedächtnis eingegangenen Sätzen wie "aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen . . ." schuf Schlosser Endspiel-Atmosphäre.

Daneben werden aber auch das Erleben und die Gefühle des Kindes mit klarem Blick und feinfühlig dargestellt. Was dem Pfarrsohn dabei auffällt, ist die unerschrockene Verwendung christlicher Vokabeln wie Fußballgott, Teufel oder Wunder. Zunächst erschrickt er über den Gebrauch dieser Worte, stellt aber fest, dass die ihn umgebenden Heiligen- und Christusbilder darauf nicht reagieren. Es gibt, so scheint es ihm, neben dem Allmächtigen noch einen weiteren, den Fußballgott.

Den Abschluss der Lesenächte gestalteten Rose Deroussas und Brit Ruf am Samstagabend.

Rose Deroussas war die Vorleserin mit der weitesten Anreise in diesem Jahr. Sie kommt aus Radolfzell. Deroussas schreibt selbst und hat etliche Bücher veröffentlicht. Trotzdem findet sie die Idee der Lesenächte, die sie während eines Kuraufenthalts im vergangenen Jahr kennen lernte, so reizvoll, dass sie sich für die Veranstaltung als Vorleserin zur Verfügung stellte. Sie stellte den Besuchern die erste Geschichte aus dem Buch "Glücklich die Glücklichen" von Yasmina Reza vor.

Der Roman beschreibt das Leben einer französischen Familie aus der unterschiedlichen Sicht der Familienmitglieder. Familienvater Robert berichtet vom wöchentlichen Einkaufsstress mit Ehefrau Odile. Was zunächst wie eine alltägliche Konfrontation zwischen altgedienten Eheleuten daher kommt, Robert hat den falschen Käse gekauft und Odile stopft die Kinder mit zuviel Fett und Zucker voll, schaukelt sich zu einer kleinen Krise hoch. Odile verschwindet zwischen den Regalen, und Robert wünscht sich ein anderes Leben. Als er Odile in der endlosen Schlange an der Käsetheke findet, wo sie den Morbier gegen Schweizer Käse tauschen will, droht er mit "ich zähle bis drei", dann haue er ab, sofern Odile die Warteschlange nicht verlasse. Odile grinst nur, denn die Autoschlüssel hat sie. Es kommt zum Gerangel um die Schlüssel. Als die beiden, nach einer weiteren Warteschlange an der Kasse, endlich im Auto sind, wird Robert klar, dass sein Leben ewig so weitergehen wird.

Britt Ruf aus Bad Urach, die seit vielen Jahren als Vorleserin aktiv ist, beendete die diesjährige Vorlesereihe. Ihr Beitrag war die erste Geschichte "Fishermans Friend" aus dem Buch "Falsche Zeugen" von Ingrid Noll.

Die Protagonistin macht in jungen Jahren den Fehler, einen sehr viel älteren, leidenschaftlichen Angler, Eugen, zu heiraten. Als der fesche Uli in ihr Leben tritt, plant sie mit diesem, der ebenfalls dem Angeln verfallen ist, ihren Mann aus dem Weg zu räumen und die Lebensversicherung zu kassieren. Doch anstatt den verabredeten Plan auszuführen, trumpfen die beiden Petrijünger mit einem kapitalen Zander auf, den Uli an Eugens geheimem See gefangen hat. Die Ehefrau will sich danach selbst helfen und präpariert einige Fischfrikadellen für den nächsten Angelausflug mit fiesen Gräten.

Doch auch dieser Plan missglückt, Eugen tauscht sein Essen mit einem Förster, der daraufhin den Erstickungstod findet. Dessen Frau kontaktiert die Protagonistin einige Monate später und bedankt sich für die Tat. Gemeinsam bringen sie den ungeliebten Angler um die Ecke und genießen anschließend einen Urlaub in der Karibik.