Bad Urach Pfingstgrüße an den Soldaten

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Bad Urach / Walter Röhm 21.05.2013
Einst war es guter Brauch zum Pfingstfest schriftliche Grüße zu schicken. Auch der Uracher Konditormeister Carl Göppinger pflegte diese Sitte, wie eine Karte belegt, die er 1918 an seinen Neffen sandte.

Gute Wünsche zum Pfingstfest sprach man einst persönlich in der Familie und unter Nachbarn aus. Als dann aber vor rund 120 Jahren findige Postkartenhersteller auf die Idee kommen, wie zu den anderen religiösen Festen des Jahres und zum Jahreswechsel, so auch für Pfingsten Glückwunschkarten anzubieten, ändert sich dies. Schnell bürgert sich ein, dass man nun der Verwandtschaft, ja selbst fernen Bekannten schriftlich „Frohe Pfingsten“ wünscht. Erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kommt dieser Brauch dann allmählich außer Mode.

Die bunten Bilder auf den Pfingst-Karten nehmen allerdings selten Bezug auf den christlichen Gehalt des Festes. Letztlich haben ja auch die meisten Pfingstbräuche weltlichen Charakter. So werden, da das Pfingstfest mit dem Wiedererwachen der Natur zusammen fällt, häufig verliebte junge Paare in der Natur, etwa beim Spaziergang oder einem Picknick dargestellt. Auch Maibaum schmückende Kinder oder auf einer Wiese tanzende Elfen sind nicht selten zu sehen. Ein besonders beliebtes Motiv sind aber Maikäfer, die meist gerade zu Pfingsten schwärmen. Sie werden in allen Variationen dargestellt, so etwa als Spielkameraden der Kinder, als Musikanten, ja sogar als Zugtiere eines mit fröhlichen Menschen besetzten Leiterwagens.

Es gibt aber auch ganz individuell gestaltete Pfingstkarten. Der Uracher Konditormeister Carl Göppinger sendet 1918 eine solche an seinen Neffen Rudolf Göppinger, der damals mit der württembergischen Armee im Felde steht. Die Karte zeigt auf der Bildseite zwei Konditorlehrjungen, die stolz eine Tortenschachtel mit der Aufschrift „Carl Göppinger“ und eine kunstvolle Merinken-Torte, die Spezialität des Konditors, vorzeigen. Über die Konditorjungen schreibt Göppinger in kraftvoller Schönschrift „Gruß aus Urach“ und darunter „Pfingsten 1918“.

Carl Göppinger stammt aus einer wohlhabenden Uracher Rotgerberfamilie, die ab 1832 über drei Generationen hinweg gegenüber dem Residenzschloss eine Gerberei betreibt, in deren Gebäude 1904 das „Café zur Glocke“ von Friedrich Frey einzieht.

Carl Göppinger ergreift aber nicht wie viele andere Familienmitglieder das Gerberhandwerk. Er erlernt das Konditorhandwerk bei Adolf Carl Loepthien, der in der Uracher Pfählerstraße 5, also hinter dem Rathaus, eine Konditorei mit angeschlossener Kolonialwarenhandlung betreibt.

Als Konditormeister Loepthien 1891 sein großes Haus mit seinem Fachwerkvorbau, in dem heute der Laden der Bad Uracher Tafel untergebracht ist, zum Verkauf ausschreibt, kauft Carl Göppinger, der sich inzwischen in der Fremde weitergebildet hat und nun Meister ist, das Anwesen.

Das feine Teegebäck, die Kuchen, Torten und Eisbomben aus der Konditorei Göppinger sind bald weit über die Grenzen der Stadt hinaus geschätzt.

Nach dem Ersten Weltkrieg will Carl Göppinger sein Haus, in dem er mehr als 27 Jahre lang erfolgreich als Konditormeister und Kolonialwarenhändler tätig ist, verkaufen. In einer großformatigen Anzeige bietet er es im „Ermstalboten“ feil als „großes Geschäftshaus“ mit „2 Läden mit 10 Schaufenstern, einer schönen Conditorei-Einrichtung, modernen Öfen, elektrisches Licht und Wasserleitung, 22 Wohnzimmern, 5 Küchen, 2 großen gewölbten Kellern, großen Magazinen und Bühnenräumen“. Gesundheitliche Probleme und vor allem der Verlust seines einzigen Sohnes Karl Wilhelm, der im Spätherbst 1916 bei der Schlacht um Ypern (Westflandern/Belgien) schwer verwundet wird und kurze Zeit später in einem französischen Feldlazarett stirbt, sind die Gründe für diesen Schritt.

Dann aber entscheidet sich Göppinger doch anders. Er gründet zur Weiterführung seines Geschäfts eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit seinem Neffen Rudolf Göppinger aus Nürtingen, an den die Pfingstkarte 1918 gerichtet ist, seiner Ehefrau sowie seiner Tochter Amalie als Gesellschafter.

Rudolf Göppinger aus der Nürtinger Linie der Familie Göppinger, der nun das Geschäft des Onkels weiterführt, ist von Beruf Bankkaufmann. Die allgemeinen schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse der Nachkriegsjahre haben sicher wesentlich dazu beigetragen, dass er diesen Beruf jetzt an den Nagel hängt und dafür Händler wird. Er arbeitet sich schnell ein und erweitert das Lebensmittelgeschäft um einen Großhandel auch mit Glas und Porzellan. Die Konditorei legt er still. So führt Rudolf Göppinger die Familien-Gesellschaft erfolgreich durch die schwierigen Jahre zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise.

Im Sommer 1932 heiratet Rudolf Göppinger die Tochter Amalie seines inzwischen verstorbenen Onkels. Ab 1935 ist er Alleininhaber einer Firma, deren Kunden insbesondere um Glaswaren und Porzellan zu kaufen, aus dem ganzen Oberamtsbezirk stammen.

Ende 2001, als Lebensmittelketten und Discounter immer mehr auch in Kleinstädte vordringen und den örtlichen Lebensmittelhändlern das Überleben schwer machen, schließt Friedrich Göppinger, der inzwischen das Geschäft von seinem Vater übernommen hat, das Geschäft.

Der „Göppinger hinter dem Rathaus“ ist Geschichte. Aber manchmal reicht eine alte Postkarte aus, sich an einen Betrieb zu erinnern, der einst eine Institution im Städtchen war.

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