Benefiz Natalie gibt nicht auf

Natalie Henkel an ihrem Arbeitsplatz bei den EBK-Blumenmönchen in Dettingen. Sie hofft, dass am Sonntag beim Konzert möglichst viele Spenden für ihre Therapie zusammenkommen. Ein Platz im privaten Rehazentrum kostet 55 000 Euro.
Natalie Henkel an ihrem Arbeitsplatz bei den EBK-Blumenmönchen in Dettingen. Sie hofft, dass am Sonntag beim Konzert möglichst viele Spenden für ihre Therapie zusammenkommen. Ein Platz im privaten Rehazentrum kostet 55 000 Euro. © Foto: Christina Hölz
Dettingen / Von Christina Hölz  16.11.2017

Es war einer dieser Tage, auf die sich Natalie Henkel schon lange gefreut hatte: Die junge Frau war mit ihren Studienkollegen aus Kempten zum Motorradfahren verabredet. An einem sonnigen Morgen des Jahres 2015 startet die geübte Bikerin mit ihrer Maschine von Dettingen aus. Weil die Gruppe sich im Allgäu trifft, ist sie alleine unterwegs, wie schon oft zuvor. Aber dieses Mal kommt Natalie Henkel nur bis Blaubeuren. Dort kann sie ihr Motorrad in einer Kurve mit Rollsplit nicht mehr halten und knallt gegen eine Leitplanke.

Filmriss. Als Natalie Henkel Stunden später im Krankenhaus wieder aufwacht, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Später werden Experten den Unfallhergang untersuchen und feststellen, dass die Dettingerin nicht zu schnell unterwegs war. Und noch einiges später wird die damals 30-Jährige mit dem tatsächlichen Ausmaß ihrer Verletzungen konfrontiert: Allein die Wirbelsäule ist fünfmal gebrochen – 13 Stunden versuchen die Ärzte mittels Not-Operation Natalie Henkels Hals-, Brust und Lendenwirbel zu stabilisieren. Nach drei Wochen auf der Intensivstation und zig weiteren Operationen, dann die Diagnose: Natalie ist querschnittsgelähmt. Von sechsten Brustwirbel an abwärts kann sie sich nicht mehr bewegen, das Gefühl in den Beinen fehlt. Und die Ärzte machen ihr wenig Hoffnung, dass es jemals wieder ein Leben außerhalb des Rollstuhls geben wird.

 Nie wieder laufen können. Im ersten Moment zieht das der jungen Betriebswirtin buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Aber Natalie kämpft. Sechs Monate trainiert sie sich in einem Querschnittszentrum zurück ins Leben. Sie schont sich nicht, plagt sich bis heute täglich mit ihrem Vater. Kurz nach dem Unfall kann sie gerade die Augenlider bewegen – heute gehorchen ihre Arme und der Oberkörper wieder. Die Beine sind gut geformt, die Haare sorgfältig zum Dutt geschlungen. Säße sie nicht im Rollstuhl, niemand würde der hübschen Frau mit den brünetten Locken ansehen, dass sie gelähmt ist.

Aber die Narben bleiben. Und sie sind längst nicht nur körperlicher Natur. Von heute auf morgen stellte sich das Leben der mittlerweile 32-Jährigen komplett auf den Kopf. Ein Jahr vor dem Unfall hatte Natalie eine vielversprechende Stelle bei einem Automobilkonzern nahe Böblingen angetreten. Die Karriere hatte sie fest im Blick, vieles stand ihr offen. Doch plötzlich ist alles anders. Für die junge Frau ist es kaum mehr möglich, sich in ihrer Wohnung in Herrenberg selbst zu versorgen. Bald zieht sie wieder zu ihren Eltern in die Dettinger Buchhalde. Ihr Vater trägt sie täglich 14 Stufen hoch.

Natalie merkt aber, dass sie noch mehr ändern muss. „Ich kann diese Diagnose nicht akzeptieren“, sagt sie und wischt sich die Tränen aus den Augen. Sie will kämpfen. Wenigstens irgendwann wieder am Rollator oder an Krücken gehen können. Um noch mehr trainieren zu können, gibt sie auch ihren Job in der großen Firma auf. Im Laden der Dettinger EBK-Blumenmönche findet Natalie eine neue berufliche Heimat. Sie ist Assistentin der Geschäftsleitung an der Seite des Bruders Theophilos. Er ist es auch, der der jungen Frau Kraft gibt, mit ihr den christlichen Glauben lebt und täglich ein Bibelwort für sie auslegt. „Sein Beistand und meine Arbeit hier sind mir viel wert“, sagt sie.

Schon lange unterhält die Dettingerin einen engen Kontakt zur Evangelischen Bruderschaft Kecharismai (EBK). Immer wieder jobbte sie schon während des Studiums im Floristikgeschäft der Mönche in der Metzinger Straße. Bruder Theophilos weiß, wie es um Natalies Seelenleben steht. Und er zögert nicht lange, seine Kollegin zu unterstützen als die ein neues Projekt in Angriff nimmt: Eine Ärztin hat Natalie an ein privates Rehazentrum vermittelt. Dort stellen die Mediziner die junge Frau beim Probetraining auf die Beine. Am Rollator kann sie zaghaft einige Schritte gehen. Ein Funken Hoffnung, den Natalie Henkel am Glühen halten will. „Ich glaube, mein Zustand kann sich verbessern“, ist sie überzeugt. Das Manko: Ein Rehaplatz in der Klinik kostet 55 000 Euro. Die Krankenkasse gibt kein Geld, denn Natalie Henkel gilt als austherapiert. Und alleine kann die Dettingerin das Geld nicht aufbringen.

Um wenigstens einen Teil der Kosten zusammenzutragen, haben die EBK-Blumenmönche jetzt gemeinsam mit Natalie Henkel eine große Hilfsaktion gestartet. Unter dem Motto „Auf eigenen Beinen“ rufen sie zu Spenden für die querschnittsgelähmte junge Frau auf. Außerdem veranstaltet die Bruderschaft am Sonntag, 19. November, in der Buchhalde ein Benefizkonzert für die 32-Jährige.

Unter dem Motto „Von Barock bis Pop“ spielt Kantorin Carola Rebentisch aus dem Erzgebirge (Flöte/Orgel) mit ihrer Tochter Lea Klarfeld bei den Mönchen auf. Die Spenden kommen Natalie Henkel zugute.

Und die hofft weiter: „Vielleicht ist das ein Anfang. Und ich kann wirklich irgendwann wieder (auf)stehen.“

Auf eigenen Beinen: Benefizkonzert im Kloster

Auf eigenen Beinen“, unter diesem Motto steht das Benefizkonzert für Natalie Henkel am Sonntag, 19. November, 17 Uhr, im Kloster der EBK-Blumenmönche in der Buchhalde. Es spielen Carola Rebentisch (Orgel und Flöte), Diana Drechsler (Violine Flöte) und Lea Klarfeld (Flöte).

Spenden an Natalie kann man unter: Kreissparkasse Reutlingen, Kontonummer 1101503711. IBAN DE36 6405 0000 1101 5037 11. Wer eine Spendenbescheinigung braucht, kann auch über die Bürgerstiftung Dettingen überweisen: Informationen unter buergerstiftung-dettingen.de.

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