"Beim Lied malt man mit der Sprache", pflegt sie ihren Schülern zu sagen. Edith Mathis weiß, wovon sie spricht: Die Schweizer Sopranistin hat an der Met, bei den Salzburger Festspielen, in London und Paris unzählige Erfolge gefeiert. Ihre Aufnahmen unter Karajan, Böhm und Richter werden bis heute als Kostbarkeiten gehandelt. Der lyrische Zauber ihrer Stimme gilt als legendär, ebenso ihre Kunst des Phrasierens.

Bis 2007 lehrte sie als Professorin in Wien, zu ihren Schülerinnen zählt etwa die aus Günzburg stammende Koloratursopranistin Diana Damrau, die längst auch weltweit Karriere gemacht hat.

Noch heute, im Alter von stolzen 74 Jahren, gibt Edith Mathis gerne ihre Erfahrung weiter. Jetzt bei den Herbstlichen Musiktagen Bad Urach übernahm die aus Luzern stammende Schweizer Sängerin den Meisterkurs der ursprünglich eingeplanten US-Sopranistin Helen Donath. Erst kürzlich, im August diesen Jahres am Sommercamp der Musikhochschule Rostock, war es genau umgekehrt - da sprang Helen Donath für Edith Mathis ein: Sie kennen sich und haben zum Beispiel 1976 Otto Nicolais "Lustige Weiber von Windsor" gemeinsam eingespielt - noch heute eine Referenzaufnahme.

Auch in Urach war sie vor Jahren schon zu Gast: So herrschte bei den öffentlicher Probe ihres Meisterkurses im Bürgerhaus reger Andrang. Mit ihren Schülern, von denen manche noch ganz am Anfang, andere schon am Ende des Studiums stehen, legte Edith Mathis das Ziel vorab fest: "Mein Hauptpunkt ist die Interpretation - wie möchte ich ein Stück hören?".

Die erste Meisterschülerin bei der Probe am Mittwoch, eine Uracherin, die momentan in Stuttgart bei Francisco Araiza studiert, beginnt mit Max Regers "Waldeinsamkeit" (aus "Schlichte Weisen" op. 76). Edith Mathis hört zu und urteilt: "Schöne Stimme, aber kein Ausdruck." Das ist deutlich, aber es ist nicht abwertend gemeint. Eher aufbauend. Und immer vom Liedtext ausgehend. Erst einmal fordert sie: Bitte nicht so singen, "als ob das etwas furchtbar Trauriges wäre". Dabei geht es doch im Liedtext um Küsse des Liebsten, "viel tausendmal" sogar. Also: "Lächeln!" und "Schön strömen lassen!".

Dann Brahms ("Mädchenlied" op. 107,5). Es geht Edith Mathis nicht um Noten, sondern um sinnerfüllte Phrasierung. Mehr atmen, empfiehlt sie: "Denken Sie immer an den Bach da unten - der fließt und fließt!" Und weiter mit Brahms ("Das Mädchen spricht" op. 107,3) - jetzt wird auch bei der Haltung nachgebessert: "Nicht so steif und brav!", "Unbrav ist besser!".

Die nächste Schülerin, bereits an der Musikhochschule Würzburg diplomiert, will ihre Mozart-Kenntnisse verbessern - vielleicht auch deswegen, weil er, wie sie später gesteht, "für mich immer der Horror war". Ganz klar, ihre Stimme lässt dramatische Schulung erkennen, das Mozart-Schmankerl "Als Luise den Brief ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte" KV 520 klingt bei ihr schon wie ein Seelendrama in zwanzig Takten. "Gut!", befindet Edith Mathis kurz und trocken.

Aber nachgefeilt werden muss dennoch - etwa in "Abendempfindung" KV 523, das noch irgendwie schleppend rüberkommt: Wie wärs mit einem schnelleren Tempo, fragt Mathis. Und siehe da, es funktioniert. Die vorher statisch wirkende Stimmung des Liedes gerät in Bewegung. Dann die Spitzentöne im berühmten "Porgi amor" (der Kavatine der Gräfin aus "Figaro"): Ein unmerkliches Zögern, ein "süßes, inniges Zurücknehmen", so Mathis, wirkt Wunder, krönt die Phrase und macht jenes Etwas aus, was große Interpretationen auszeichnet. Jenen stimmlichen "Zauber", der, so Mathis, "unter die Haut geht".