St. Johann Motor und Vorbild

Das Teilhabebüro ist eröffnet: Landrat Thomas Reumann (links), Bürgermeister Florian Bauer, im Hintergrund Dirk Harich und Silke Armbruster.
Das Teilhabebüro ist eröffnet: Landrat Thomas Reumann (links), Bürgermeister Florian Bauer, im Hintergrund Dirk Harich und Silke Armbruster. © Foto: Simon Wagner
St. Johann / SIMON WAGNER 23.10.2015
Eine Premiere für den Landkreis und wohl auch fürs Land: Am Mittwoch wurde das St. Johanner Teilhabebüro eröffnet. Es soll im Sinne der Inklusion zentrale Anlaufstelle für Menschen sein, die auf Barrieren stoßen.

Die hohe Bordsteinkante ist die wohl offensichtlichste Barriere, vor der etwa Rollstuhlfahrer kapitulieren müssen.

Aber es sind bei Weitem nicht nur bauliche Gegebenheiten, die ein selbstbestimmtes Leben erschweren können. Kleingedruckte Behördenformulare, eingeschränkte Mobilitätsangebote oder soziale Isolation führen dazu, dass Menschen am gesellschaftlichen Leben nur teilweise teilnehmen können. Sie sind in ihrer Lebensführung behindert. Doch richtigerweise muss es heißen: Sie werden behindert. Durch Strukturen, die ihre speziellen Lebenslagen nicht berücksichtigen.

Jene Strukturen den Bedürfnissen von gehandicapten Menschen anzupassen (und nicht anders herum), ist Auftrag der UN-Menschenrechtskonvention. Sie in die Tat umzusetzen, hat sich der Landkreis zum Ziel gesetzt. Ins Leben gerufen wurde so die Inklusionskonferenz. Am Beispiel zweier Modellgemeinden sollen Perspektiven für einen barrierefreien Kreis erarbeitet werden. Mit der Stadt Münsingen hat sich die Gemeinde St. Johann diesem Ansinnen verpflichtet - und hat nun einen weiteren Schritt vollzogen.

In einer Feierstunde am Mittwochabend, wurde das landkreisweit erste Teilhabebüro eröffnet. Es bietet ab sofort zwei Mal die Woche Gelegenheit und Raum, individuelle Problemlagen zur Sprache zu bringen. Das Büro soll als zentrale Anlaufstelle dienen und verschiedene Hilfsangebote zusammenführen und vermitteln.

Entstehen soll auch ein Netzwerk über Vereine, Verbände und Organisationen hinweg. Die Fäden ehrenamtlich in der Hand halten dabei Gemeinderätin Silke Armbruster (sie ist aktiv ist in der Rheumaliga) und Dirk Harich, seines Zeichens Sonderpädagoge und Konrektor der Karl-Georg-Haldenwangschule in Münsingen.

Für seinen Partner und Bürgermeister der Gemeinde, Florian Bauer, ein Schritt um dem "Queerschnittsthema durch die gesamte Gesellschaft", zum Recht zu verhelfen.

Teilhabe umfasse eben weit mehr als behinderte Menschen. Sich vielmehr auch für die Belange von Senioren, von jungen Menschen aber etwa auch von Flüchtlingen einzumischen, ist das Ziel. Mit dem Büro greift die Gemeinde den Vorstoß des Arbeitskreises Inklusion auf, der sich eine solche Anlaufstelle gewünscht hatte. Es flankiert vielfältige, auch private Bestrebungen in der Gemeinde.

Im Beisein von gemeindlichen Akteuren, der Geschäftsstellenleiterin der Inklusionskonferenz Susanne Blum und dem Kreisbehindertenbeauftragten, Marc-Oliver Klett, gratulierte Landrat Thomas Reumann: "Damit haben Sie eine Vorreiterrolle übernommen. Sie sind Impulsgeber, Motor und Vorbild", dankte er der Gemeindeinitiative. Der Kreis brauche gerade im ländlichen Gebiet Partner wie St. Johann, die die Idee der Inklusion in die alltägliche Welt transportieren. Für ihn ein Beitrag zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.

Reumann erinnerte daran, dass von rund 7,1 Millionen Schwerbehinderten in Deutschland, über 95 Prozent erst im Laufe ihres Lebens zu solchen geworden sind: "Es kann also jeden von uns treffen."

Wie sich das anfühlt, konnten die Gäste des Abends nachvollziehen. Spezielle Brillen, Rollstühle und Rollatoren standen bereit und ließen Einblicke in eine Welt zu, die gespickt ist mit Barrieren - auch wenn sie oft erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind. Ein Aha-Erlebnis mit Langzeitwirkung. Oder wie Reumann festhielt: "Teilhabe fängt im Kopf an."

Info Das Teilhabebüro der Gemeinde St. Johann im Würtinger Rathaus (1. Stock) ist künftig Mittwochs zwischen 9 und 12 Uhr und Donnerstags zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. Ansprechpartner ist Mittwochs Dirk Harich und Donnerstags Silke Armbruster. Telefonisch ist es zu den selben Zeiten unter Telefon: (0 71 22) 8299-317 zu erreichen.

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