Wer vom Großen Marktplatz aus die Uhr im Zwerchgiebel des Rathauses etwas genauer betrachtet, entdeckt über dem Zifferblatt in einem halbkreisförmigen Ausschnitt zwei goldene Vollmonde, eine Mondsichel und viele Sterne.

Kaum jemand ahnt, dass an dieser Stelle einst eine so genannte Mondphasenuhr eingebaut war, auf der man jahrhundertelang den aktuellen Mondstand ablesen konnte. Und diese Information war für sehr viele Bürger wichtig, die überzeugt waren, dass ihr Tun und Handeln, ja sogar ihr Leben sich fest im Banne des Erdtrabanten befinde.

Öffentliche Mondphasenuhren waren deshalb sehr beliebt. Insbesondere in Süddeutschland wurden ab dem 16. Jahrhundert solche Uhren an öffentlichen Gebäuden angebracht. Viele dieser Uhren wurden im Laufe der Zeit vernachlässigt und dann vor allem Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts abgebaut.

Auch an der Mechanik und Bemalung der Uracher Mondphasenuhr hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Zahn der Zeit genagt. Zwar wurde die Uhr zunächst bei der Rathausrenovierung 1907/08 wieder instandgesetzt. Als dann aber häufig Reparaturen anfielen, wurde sie 1933 stillgelegt und zuletzt abgebaut. Niemand wollte mehr Geld für etwas aufwenden, was die Bürger nicht mehr unbedingt brauchten. Denn diese bezogen ihre Informationen über den Stand des Mondes inzwischen bequemer und zudem noch genauer als aus anderen Quellen.

Jahrhunderte in Betrieb

Leider finden sich in den Akten des städtischen Archivs nur wenige Hinweise auf die Uhr. Allein aus den Bürgermeister-Rechnungen, in denen jährlich die Einnahmen und Ausgaben der Stadt festgehalten wurden, gibt es spärliche Hinweise. So kann man aus mancher Rechnung, die in diesem jährlichen Rechnungswerk verbucht ist und die sich noch im Original erhalten hat, entnehmen, dass nicht nur die „Stadtuhr am Rathaus“ repariert und gewartet wurde, sondern auch die „Monduhr“. Die Uhr war also über Jahrhunderte hinweg in Betrieb.

Einbaudatum unsicher

In welchem Jahr die Rathausuhr mit ihren Zifferntafeln in den drei Giebeln eingebaut wurde, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Bei der dürftigen Quellenlage ist man auf Vermutungen und Rückschlüsse angewiesen. Aber nachdem die Uhr schon auf einem Aquarell aus dem Jahre 1616 an ihrem heutigen Platz am Rathaus zu erkennen ist, kann man wohl annehmen, dass sie aus dem Jahre 1562 stammt, dem Jahr, in dem die Uracher ihr zwischen 1440 und 1445 am neu angelegten Marktplatz erstelltes Rathaus wesentlich erweitert und repräsentativer gestaltet haben.

Sicher hätten die Uracher damals wohl am liebsten auch, wie es viele andere Städte in Süddeutschland um diese Zeit getan haben, zusätzlich neben der Zeigeruhr eine Uhr eingebaut, der man astronomische Sachverhalte entnehmen kann wie die Lage von Sonne und Mond über dem Horizont und im Tierkreis, die Mondphasen, ja vielleicht sogar die Stellung der großen Planeten am Himmel.

Aber eine solche komplizierte Uhr war aus dem Stadtsäckel nicht zu bezahlen. Also begnügte man sich mit der einfachsten astronomischen Uhr die auf dem Markt war, einer Uhr, die auf eine einfache Weise die Mondphasen anzeigt.

Anzeige der Lunation

Angezeigt wurde der Mondphasenzyklus von einem Neumond zum folgenden, die Lunation, durch eine Scheibe, die sich hinter dem heute noch vorhandenen halbkreisförmigen Ausschnitt über dem Zifferblatt der Zeigeruhr befand. Auf dieser Scheibe waren gegenüberliegend zwei große goldfarbene Punkte aufgemalt, die jeweils den Vollmond darstellen sollten. Diese Punkte zeigten sich abwechselnd im Ausschnitt. Wenn der ganze goldfarbene Punkt in der Mitte des Ausschnitts zu sehen war, war Vollmond. Drehte sich die Scheibe im Uhrzeigersinn weiter, verschwand der Punkt nach und nach. Der nächste Punkt erschien und wanderte ebenfalls durch den Ausschnitt, entsprechend dem Aussehen des echten Mondes im Verlauf seiner Phase.

Angetrieben wurde die Scheibe mit den beiden aufgemalten goldenen Vollmonden über das auf der Rathausbühne stehende Uhrwerk. Von diesem werden auch heute noch über Räder und Wellen, also rein mechanisch, die Zeiger auf den fünf Uhrblättern der Rathausuhr bewegt, von denen es drei in den Rathausgiebeln und zwei innerhalb des Rathauses gibt.

Astronomisch dauert ein Mondphasenzyklus von einem Neumond zum folgenden, 29 Tage, 12 Stunden, 43 Minuten und 2,8 Sekunden. Bei einer Mondphasenuhr wurde der Zyklus aus technischen Gründen meist auf 29,5 Tage gerundet. Da auf der noch vorhandenen Uracher Scheibe zwei Vollmonde aufgemalt sind, bedeutet dies, dass sich die Scheibe innerhalb von zwei Monaten einmal um die eigene Achse gedreht hat.

Aber es war äußerst schwierig, über das an die mechanische Hauptuhr angekoppelte Räderwerk, den Mondzyklus darzustellen. Ungenauigkeiten waren unvermeidlich und mussten von Zeit zu Zeit korrigiert werden. Dies war in der Vergangenheit aber kein Problem, denn der von der Stadt bezahlte „Uhrenrichter“ musste eh täglich auf die Rathausbühne steigen, um die Uhrgewichte hochzuziehen.

Beleuchtetes Transparentglas

Im Jahre 1875 wurde das Uhrwerk von 1562 ersetzt. Bei der Generalüberholung dieses Werks im Jahre 1933 wurde die farbig bemalte Zifferscheibe der Uhr gegen eine solche aus weißem Transparentglas ausgetauscht. Diese konnte von hinten durchleuchtet werden. Die Uhrzeit konnte man dadurch auch bei Nacht bequem ablesen. Dem Austausch der Zifferscheibe musste aber aus technischen Gründen die reparaturanfällige Mondphasenuhr weichen. Im Jahre 1959 wollte man anlässlich des Einbaus einer neuen Hauptuhr auch die Mondphasenuhr wieder zum Laufen bringen. Allein der Gemeinderat war dagegen.

In den nächsten Monaten wird nun wieder eine Mondphasenuhr nach altem Vorbild eingebaut. Dabei wird auch die Mondphasenscheibe aus dem Jahre 1875 wieder verwendet, der einzige Überrest der alten Uhr, denn die bis vor wenigen Jahren noch eingelagerten Gestänge und Räder sind einer Rathausbühnen-Generalreinigung zum Opfer gefallen.

Wenn die Mondphasenuhr wieder in Gang gesetzt ist, ist die historische Innenstadt zwar um keine spektakuläre, aber doch um eine liebenswerte Attraktion reicher, die es zu entdecken gilt. Auch die Stadtführer können dann den Gästen eine weitere kleine Bad Uracher Kostbarkeit zeigen.