Sirchingen Mit einem Rucksack und einem Spaten

Walter Lenz: Gebürtig in Hinterpommern lebt er seit 1952 in Urach.
Walter Lenz: Gebürtig in Hinterpommern lebt er seit 1952 in Urach.
Sirchingen / KIRSTEN OECHSNER 26.11.2013
In seinem Leben hat Walter Lenz schon viel Leid erlebt, dennoch blickt der Jubilar an seinem 90. Geburtstag zufrieden darauf zurück. "Immer beschäftigt sein bleiben", heißt sein Motto heute noch.

Eins hat sich seit seiner Geburt in einem kleinen Dorf in Hinterpommern für Walter Lenz bis heute nicht geändert: "Ich muss immer etwas tun, sonst ist mir langweilig." Zwar sind Mobilität - bis vor zwei Jahren fuhr Walter Lenz regelmäßig alleine mit dem Bus zum Einkauf nach Bad Urach - und die Aktivitätsmöglichkeiten auf Grund einer sehr starken Sehbehinderung inzwischen erheblich eingeschränkt. So kann er seiner einst großen Leidenschaft, dem Angeln, nicht mehr nachgehen. Dennoch bleiben genug Beschäftigungen übrig - unter anderem auch das Fernsehen: "Ich höre halt mehr zu, setzte mich ganz dicht vor den Bildschirm", erzählt der Jubilar. Dem einstigen aktiven Fußballer entgeht so keine Live-Übertragung vor allem der Spiele der deutschen Nationalmannschaft und auch die Tagesschau verpasst er so gut wie nie. Nicht zuletzt versorgt sich Walter Lenz weitgehend selbstständig, wenn auch seine im Haus wohnende Tochter stets nach ihm schaut: Frühstück und Abendbrot richtet er sich selbst, wofür er auch eigenständig einkauft. Seine wöchentlichen Besuche des Uracher Marktes lässt er sich nicht nehmen, eine Bekannte fährt Walter Lenz in die Stadt. Zudem dreht er mit dem Rollator seine Runden im Garten, und ein Mal die Woche heizt er seine Trockensauna ein. An seinem heutigen 90. Geburtstag blickt Walter Lenz zufrieden auf sein Leben zurück, wenn es ihm auch oft viel abverlangt hat: Seine erste Verlobte aus Königsberg ist seit den Wirren des Zweiten Weltkrieges vermisst, der gelernte Elektriker selbst wurde bereits mit 17 Jahren dienstverpflichtet und kam ein Jahr später zur Kriegsmarine. Dort überlebte er zwei Torpedobeschüsse nur knapp, schwamm bis zur Bergung jeweils stundenlang im Meer. Nach zwei Jahren in Kriegsgefangenschaft stieß er in Schleswig-Holstein zu seiner Familie, die aus dem Heimatdorf Daber in Hinterpommern flüchten musste. Dort hat er dann auch Ehefrau Waltraud - sie starb vor 26 Jahren - kennen gelernt und geheiratet, 1951 kam Tochter Sabine zur Welt: "Mit ihrem Kinderwagen habe ich wieder das Laufen gelernt", erinnert sich Walter Lenz an einen schweren Arbeitsunfall. Sein Geld verdient hat er im Norden mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten: "Wirkliche Arbeit gab es dort aber nicht." Und so siedelte die junge Familie 1952 nach Urach um: "Wir hatten einen Rucksack und einen Spaten mit dabei." Bei Magura arbeitete Walter Lenz dann neun Jahre, war im Betriebsrat und der Gewerkschaft aktiv, seit nunmehr 60 Jahren ist er zudem Mitglied der SPD. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete der Jubilar dann bei der Volksfürsorge.

20 Jahre nach der Ankunft in Urach zog die Familie nach Sirchingen ins eigene Haus - zahlreichen Vereinen in der Stadt blieb er dennoch zum Teil als aktives Mitglied eng verbunden. So hat Walter Lenz aktiv im Sängerkranz und später im Unterhaltungschor gesungen.

Der 90. Geburtstag wird im großen Freundes- und vor allem Familienkreis gefeiert. Zu letzterem gehören eine Enkelin und ein Enkelsohn, den er erst kürzlich in Bremen besuchte: "Der ist Fregattenkapitän bei der Marine", meint der Opa stolz und freut sich auf Familienzuwachs. Das erste Urenkelkind ist unterwegs.

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