Bad Urach Mehr als nur ein Winterturnplatz

Bad Urach / WALTER RÖHM 16.11.2013
Was lange währt, fast siebzig Jahre lang, wird 1913 Wirklichkeit. Die Uracher Schuljugend, die Seminaristen und die in zwei Vereinen zusammengeschlossenen Turner bekommen ihre lang ersehnte Turnhalle.

Schon 1821, kurz nachdem in den Gebäuden des ehemaligen Mönchshofs eines der vier württembergischen Niederen evangelisch-theologischen Seminare eröffnet wird, schließen sich turnbegeisterte Seminaristen zu einer "Turngemeinde" zusammen. In ihrer Freizeit betreiben sie fortan auf einem städtischen Grundstück im ehemaligen herzoglichen Tiergarten unter der strengen Aufsicht eines Repetenten "Hochsprung mit Stangen, Reck und Klettern, Dauerlauf und Tauziehen".

Dies ist aber nur bei gutem Wetter und schon gar nicht im Winterhalbjahr möglich. So dauert es nicht lange, bis sich die Seminaristen einen "Winterturnplatz", also einen geschlossenen Raum wünschen, in dem sie ihre "nützlichen Leibesübungen" auch bei schlechter Witterung durchführen können. Den bekommen sie aber erst 1845, als das Turnen, natürlich nur für Knaben, in die Lehrpläne der höheren Schulen aufgenommen wird. Das Seminar-Ephorat lässt ihn in einem Holzlager im Erdgeschoss des Seminargebäudes einbauen.

Diese "Seminarturnhalle", die später auch Schüler und, allerdings selten, Mitglieder des 1846 gegründeten "Turnvereins" nutzen dürfen, ist aber räumlich vollkommen unzureichend. So dauert es dann auch nicht lange, bis die Schulbehörde die Stadt auffordert, für einen geeigneten Turnraum zu sorgen. Die Stadt würde ja gerne dieser Aufforderung nachkommen und, da sich räumlich keine andere Möglichkeit bietet, eine Turnhalle bauen. Aber der Stadtsäckel ist, wie so häufig im 19. Jahrhundert, wieder einmal leer. So wird das Projekt von Jahr zu Jahr hinausgeschoben.

Als aber 1884 der "Königliche Studienrat", die oberste Kultusbehörde für höhere Schulen, den Hallenbau sehr nachdrücklich anmahnt, muss die Stadt handeln. Zwar fehlt für einen sofortigen Hallenbau nach wie vor das Geld. Um aber dem Studienrat gegenüber wenigstens guten Willen zu zeigen, gründet der Gemeinderat einen Baufonds, in den jährlich Mittel aus dem städtischen Haushalt und, so hofft man zumindest, reichlich Spenden der Bürger fließen sollen.

Zwanzig Jahre lang werden nun jährlich bescheidene Beträge aus dem städtischen Haushalt in diesen Baufonds einbezahlt. Und um dem Turnraummangel wenigstens etwas abzuhelfen, baut die Stadt in das 1889 erworbene Schachenmayrsche Anwesen an der Pfählerstraße einen früheren Pferdestall zu einen Turnraum um. Der Raum ist aber sehr klein und außerdem nicht heizbar. So kann er eben nur sehr eingeschränkt genutzt werden.

Im Jahre 1904 lässt sich die Schulbehörde nicht weiter vertrösten. Sie fordert die Stadt sehr nachdrücklich auf, endlich für den Schulsport einen geeigneten Raum zur Verfügung zu stellen. Um nochmals Zeit zu gewinnen, gründet der Gemeinderat schnell eine Baukommission, die verschiedene neue Hallen im Königreich besichtigen und dabei Anregungen sammeln soll. Anschließend wird Stadtbaumeister Albert Vatter gebeten, doch gelegentlich Entwürfe für eine Halle vorzulegen.

Danach dauert es aber nochmals vier Jahre, bis der Gemeinderat formell den Bau einer Turnhalle beschließt.

Dieser Beschluss fällt dem Gemeinderat umso leichter, als der Baufonds inzwischen auf 18 500 Mark angewachsen ist, auf ein gutes Drittel der errechneten Baukosten.

Wo die zukünftige Turnhalle stehen soll, weiß der Gemeinderat allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er prüft in aller Ruhe viele mögliche Standorte, bis dann endlich im Jahre 1912 nur noch zwei Plätze zur Auswahl stehen: die "Schütte", ein ehemaliger Auffüllplatz beim Zeughausturm an der Pfählerstraße, und ein Platz beim 1872 angelegten städtischen "Turngarten" an der Straße nach Hülben.

Nach heftigen Debatten, an denen sich auch die Bürgerschaft über Leserbriefe beteiligt, fällt im Sommer 1912 endlich die Entscheidung. Die Turnhalle soll am Rande des Turngartens erbaut werden.

Stadtbaumeister Albert Vatter wird aufgefordert, seine früheren Entwürfe zu überarbeiten und vor allem auf den nun festgelegten Bauplatz abzustimmen. Vatter macht sich umgehend ans Werk und legt im Dezember 1912 genehmigungsreife Pläne vor.

Diese finden zwar die Zustimmung des Gemeinderats. Der Stadtbaumeister muss diese aber in den nächsten zwei Monaten auf Wunsch des Gremiums kostenträchtig mehrfach ändern und ergänzen. Gleichzeitig mit seiner Zustimmung zu den Bauplänen setzt der Gemeinderat den Stadtbaumeister unter Zeitdruck. Er verlangt, dass der Hallenbau Ende Oktober 1913 so weit vorangetrieben ist, dass der Schwäbische Albverein seine Herbstversammlung darin abhalten kann.

Stadtbaumeister Vatter erklärt zwar zunächst, es sei ihm unmöglich diesen Termin einzuhalten, denn er müsse ja noch die Detailpläne fertigen und die Arbeiten an die Handwerker vergeben. Und dadurch würde bis zum vorgegebenen Termin nur noch eine Bauzeit von sieben Monaten verbleiben. Aber der Gemeinderat ist unerbittlich. Er fordert nach wie vor, koste es was es wolle, dass die neue Halle Ende Oktober benutzbar ist.

Letztendlich muss sich der Stadtbaumeister der Forderung des Gemeinderats beugen. Erleichtert kann er dann im Juni 1913 dem Gemeinderat berichten: "Alle Arbeiten sind vergeben und die Bauarbeiten schreiten nun fröhlich voran!"

Was manch einer nicht für möglich gehalten hat, schafft Albert Vatter. Die Halle ist Mitte November 1913 soweit fertig gestellt, dass sich darin am Sonntag, 16. November 1913, die Albvereinsmitglieder zu einer "Geselligen Unterhaltung mit Festaufführungen" im Rahmen ihrer Herbstversammlung treffen können.

Zu dieser Veranstaltung sind aber nur die Mitglieder des Albvereins und die Honoratioren der Stadt eingeladen. Die Bürger, vor allem die Turner, sind darüber erbost, denn sie würden "ihre" Halle gerne selbst einweihen und dies nicht Auswärtigen überlassen. Als es dann am "Einweihungstag" in Strömen regnet, schauen deshalb viele Uracher schadenfroh aus ihren Fenstern auf den Albvereinsfestzug, der, die Stadtkapelle voraus, vom Marktplatz zur neuen Halle zieht.

Die Festredner loben die neue Halle in den höchsten Tönen. Gerühmt wird insbesondere "die herrliche Akustik". Seminarprofessor Paul Adolf Hirzel reimt in seinem Festspruch: "Man hat alles hier getan/Um den Albverein würdig zu empfahn/So wurde zum Erstaunen der ganzen Welt/In ein paar Monaten diese Turnhalle erstellt/Ein Monumentalbau, ein ganz Exempel/So groß und schön, wie eine Kirche, ein Tempel/Es wird gewiss auch dem Albverein eine Freude sein/Diese prächtige Halle heut einzuweihn".

Nach dieser "Einweihung" dauert es dann nochmals zehn Monate, bis der Gemeinderat den endgültigen Abschluss der Bauarbeiten feststellt. Nun kann auch Stadtbaumeister Vatter die bis dahin angefallenen Baukosten hochrechnen. Und diese liegen mit 100 220,17 Mark fast genau 100 Prozent über dem Kostenvoranschlag vom Dezember 1912. Aber der Gemeinderat nimmt davon ohne Diskussion Kenntnis, wohl wissend, dass in erster Linie nicht der Stadtbaumeister, sondern er selbst wegen der "überhasteten Bauausführung" und den häufigen Planänderungen während der Bauzeit die Kostensteigerung zu vertreten hat.

Eine offizielle Einweihung oder wenigstens einen "Tag der offenen Tür" gibt es nicht mehr. Die Uracher müssen ihre Halle nun eben im Rahmen von Veranstaltungen oder bei Turnabenden kennenlernen.

Für ihre gute Akustik ist die Uracher Turn- und Festhalle von Anfang an bekannt. Dagegen dauert es sehr lange, bis, wohl auch im Zuge der allgemeinen kunsthistorischen Neubewertung von Jugendstilbauten, die Architektur geschätzt wird. Ausschlaggebend sind hierfür Gutachten, die zu Beginn der Generalsanierung im Jahre 1985 vom Landesdenkmalamt und namhaften Architekten erstellt werden. Darin wird den Urachern eindrücklich vor Augen geführt, dass es sich bei dem von Stadtbaumeister Albert Vatter geplanten und unter seiner Leitung erstellten Gebäude "um ein kunsthistorisch beachtenswertes Gebäude" handelt, ja, dass die Uracher Turn- und Festhalle zu den wichtigen Bauten des Jugendstils im Lande zählt.

Zwar ist die in Abschnitten geplante Generalsanierung der Halle auch heute noch nicht abgeschlossen. Aber von einem Abriss, wie vom Gemeinderat 1965 beschlossen, spricht heute niemand mehr. Die inzwischen zur "Jugendstilhalle" hochstilisierte Halle ist jetzt wahrlich eine "gute Stube", ein würdiger Rahmen für Veranstaltungen und Zusammenkünfte sowie natürlich auch für sportliche Veranstaltungen aller Art.

Bad Urachs Jugendstilhalle legt aber auch eindrückliches Zeugnis vom Können eines einheimischen Architekten und der Uracher Handwerker ab. Deshalb darf man sich freuen, dass die Halle auch 100 Jahre nach ihrer "Einweihung" wieder eine Zukunft hat.

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