Interview Mach’ Du doch, Du kannst das!

Siegfried Jerusalem (rechts) bei der Arbeit: Der ehemalige Wagnertenor leitet den Meisterkurs bei den Uracher Musiktagen.
Siegfried Jerusalem (rechts) bei der Arbeit: Der ehemalige Wagnertenor leitet den Meisterkurs bei den Uracher Musiktagen. © Foto: Thomas Kiehl
Bad Urach / Von Otto Paul Burkhardt 05.10.2018

Ist die klassische Musik in der Krise? „Ach was!“, winkt Siegfried Jerusalem ab: „Nee!“ Er sieht das anders: In Nürnberg, wo er lebt, seien die Konzert- und Opernhäuser immer voll, „auffallend viele junge Leute“ gehen ins Theater, und an den Musikhochschulen herrscht nach wie vor Riesenandrang.

Er muss es wissen – denn der heute 78-Jährige ist Gesangsprofessor und war lange einer der bedeutendsten Heldentenöre, sang über 20 Jahre an den wichtigsten Bühnen der Welt, in Bayreuth, Wien und New York. Ein Weltstar. Und jetzt kommt’s: Angefangen hat er als Fagottist in Reutlingen, beim Schwäbischen Symphonie-Orchester, der heutigen Württembergischen Philharmonie, von 1962 bis 1971.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, leitet er einen Meisterkurs bei den Herbstlichen Musiktagen Bad Urach: Ein dichtes Programm – das heißt Feilen an jeder Phrase. Denn das Wichtigste, findet er, ist „die Verbindung von Technik und Ausdruck“. Sieben Unterrichtsphasen morgens, sieben nachmittags. Zwischen den Proben findet er Zeit zu einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Wo? „Am besten hier“, sagt er und deutet in Richtung Hotellobby, „da haben wir unsere Ruhe.“

Seine Reutlinger Anfänge – was weiß er noch davon? Nicht mehr viel, meint er, „zu lange ist das her“.

Die Dirigenten damals, Hans-Jürgen Walther und Dimitri Agrafiotis, sind ihm noch präsent. Erster Fagottist war er und Betriebsrat dazu: Bewegte Zeiten damals waren das. Das mit dem Singen, seiner späteren Profession, bahnte sich in Reutlingen erst an, wo er schon einen ersten Liederabend gab. Und bei einem Werkkonzert sang er die Titelrolle im „Musikmeister“ von Cimarosa, damals noch in Bariton-Lage.

Im Orchester, wo alle aufeinander hören müssen, habe er jedenfalls „viel gelernt“, vor allem „Disziplin und Rhythmus“. Mit dem Blasinstrument Fagott sei es, was die Atemtechnik angeht, ganz ähnlich wie beim Singen. Manche Erinnerung – etwa an seine Stammkneipe am Tübinger Tor – ist verblasst. Ach ja, ein ehemaliger Reutlinger Fagott-Kollege, Frank Narewski, wolle ihn besuchen kommen, und an seinen Nachfolger Günter Klüppel kann er sich auch noch erinnern.

Von Reutlingen wechselte er 1971 ins Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (RSO) unter Sergiu Celibidache. Jerusalems Faible fürs Singen – er nahm inzwischen Unterricht bei Hertha Kalcher – war seinen Kollegen dort bekannt. Und eines Tages 1975 passierte es. Er saß im Orchester, als beim TV-Dreh für den „Zigeunerbaron“ der Tenor Franco Bonisolli ausfiel. Seine Mitmusiker ermunterten ihn: „Mach’ Du doch, Du kannst das!“

Er sang tatsächlich, riskierte sogar das berühmte hohe C – und wurde gefeiert. 1975 heuerte ihn die Staatsoper Stuttgart als „Ersten Gefangenen“ im „Fidelio“ an. Und 1976 war es dann schon die Staatsoper Hamburg, die ihn als Lohengrin haben wollte. Doch „Celi“, sein Chef beim RSO, blockte zunächst: „Ich brauch’ Dich hier!“

Erst als Jerusalem nachhakte und sein Gesangskönnen demonstrierte, gab „Celi“ dann doch grünes Licht: „Du singst!“ Selbst seine ersten Bayreuth-Auftritte absolvierte Jerusalem noch als RSO-Fagottist vom Dienst. Erst Ende 1977, abgesichert durch drei Gastspielverträge mit Stuttgart, München und Berlin, wagte er den Absprung. Und legte das Fagott für immer beiseite.

Eine Weltkarriere als Sänger begann. Wien, Salzburg, New York, Paris, London und Chicago folgten. Und in Bayreuth avancierte Jerusalem zum prägenden Tenor der 80er und 90er Jahre, sang sämtliche Hauptrollen von Parsifal bis Siegfried und als Krönung den legendären „Tristan“ mit Waltraud Meier als Isolde unter Daniel Barenboim in der Regie von Heiner Müller. Warum nie den „Tannhäuser“? „Den wollte ich nicht singen. Ich hatte kein Verhältnis dazu. Auch die Tessitur (die Hauptstimmlage der Partie, d. Red.) lag mir nicht so.“ Und wie hat er sich auf die teils fünf- bis  sechsstündigen Marathon-Opern vorbereitet? „Morgens im Wald spazieren gehen, mittags ordentlich Nudeln essen. Und dann los.“ An vier „Ring“-Inszenierungen wirkte er mit – welche war die eindrucksvollste? Am ehesten „die mit Harry Kupfer“. Von der „Sichtweise“ des Nachfolge-„Rings“ mit Alfred Kirchner und Rosalie war er dagegen „nicht so angetan.“ Sein Verhältnis zu Regisseuren? „Ich finde neue Ideen wichtig. Sie müssen aber begründet sein. Nur der Show wegen bringt nichts.“ Dennoch: „Wir können nicht einfach das alte Schema nehmen und das dann jahrhundertelang weitermachen, dann geht kein Mensch mehr ins Theater. Stillstand ist nicht gut.“ Schon Wagner habe gesagt: „Kinder, schafft Neues!“

Zur Gesangsausbildung hat er eine klare Meinung: „Wir müssen davon Abstand nehmen, nur an hohe und laute Töne zu denken.“ Stattdessen sei es wichtig, „Gesamtmusik“ zu machen, „die Töne kommen dann von selbst.“ Von dem Märchen, zum Singen gehöre ein gewisser Körperumfang zwecks Resonanz, hält er nichts: „Fett klingt nicht.“ Wer je Jerusalem in seinen Star-Partien miterlebt hat, weiß: Seine Stimme hat Glanz, sie fließt, kommt ohne Stemmen, Drücken und Forcieren aus. Zum leider weit verbreiteten „Bellen“ und „Brüllen“ – er nennt es scherzhaft „Bell“-Canto – ließ er sich nie verleiten. Jerusalem sang neben Wagner auch Mozart bis Tschaikowsky und Moderne von Busoni bis Penderecki. Und immer wieder Lieder, ein Genre, das für ihn „der Grundstock“ zu allem ist: Denn „Oper ist leichter als Lieder singen“.

Seine letzten großen Auftritte an der Met und in Berlin hatte er in den Nuller Jahren. 2001 übernahm er eine Professur in Nürnberg, bis 2009 war er Rektor der dortigen Musikhochschule.  Und kaum zu glauben: Zuweilen zieht’s ihn doch noch auf die große Bühne. Seit 2015 zum Beispiel singt er an der Staatsoper Berlin in Barenboims „Meistersingern“ mit. Der hatte die Idee, die betagteren Zunft-Meister der Oper auch wirklich mit Sängerstars der älteren Garde zu besetzen. Jerusalem singt hier den Balthasar Zorn. Eine kleine Partie, auf die er sich aber dennoch „wochenlang“ vorbereitet. Denn „in meinem Alter geht die Stimme nicht einfach so los.“ Also: „Üben, üben, üben!“ Die nächsten Aufführungen dieser beliebten Inszenierung sind auf April 2019 angesetzt.

Die Kritik? Ist voll des Lobes für das „herrlich knorrige, genaue Profil“ der Zunftmeister um Jerusalem. „Und ich bin gar nicht der Älteste!“, lacht er: Sein Kollege Franz Mazura war kürzlich mit über 90 Jahren noch dabei.

Eigentlich wollte er noch nach Reutlingen fahren, vielleicht klappt’s ja noch. In der Uracher Amanduskirche hat er übrigens auch schon gesungen – vor über drei Jahrzehnten für eine Aufnahme mit Ulrich Eistert. Von seinen aktuellen Meisterkurs-Eleven hält er jedenfalls sehr viel. Auch von Paula, einer jungen Sängerin aus Urach: „Das ist ausgezeichnet, was die macht – wunderbar!“

Heute bei den Herbstlichen Musiktagen

Abschlusskonzert des Meisterkurses für Gesang „Von der hohen Kunst des Singens“. Beginn ist um 11 Uhr in der Schlossmühle, Prof.-Dr.-Willi-Dettinger-Saal, Bad Urach.

Kirchenkonzert: The Messiah, Oratorium in drei Teilen von Georg Friedrich Händel (in englischer Sprache).

Beginn ist um 19 Uhr in der Stiftskirche St. Amandus, Bad Urach.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel