„Nur fast so wie im Traum ist mir’s geschehen, dass ich in dies geliebte Tal verirrt. Kein Wunder ist, was meine Augen sehen, doch schwankt der Boden, Luft und Staude schwirrt, aus tausend grünen Spiegeln scheint zu gehen vergangne Zeit, die lächelnd mich verwirrt.“ Mit diesen Worten beginnt Eduard Mörikes Gedicht „Besuch in Urach“, eine Stadt, die er aus seiner Zeit am evangelisch-theologischen Seminar bestens kannte. Der schwäbische Pfarrer und Literat steht mit seiner gereimten Hommage an die alte Grafenstadt in guter Tradition. Zahlreiche Autoren, darunter Gustav Schwab, Johannes R. Becher oder Justinus Kerner, ließen sich von Urach und der umgebenden Natur inspirieren. Ein Teil ihrer Verse lässt sich seit nunmehr zwei Jahren auf dem Poesieweg der Kurstadt erleben. Vier Kilometer ist er lang, 20 Stelen säumen die Strecke, auf jeder sind die Zeilen eines Dichters zu lesen.

Jene Stele, die die Nummer fünf trägt, rückt am 1. Mai in den Blickpunkt: Bislang können Spaziergänger dort jene Zeilen goutieren, die Sylvia Ebinger verfasste, deren Werk im vergangenen Jahr mit dem Titel „Gedicht des Jahres“ geadelt wurde. Zum Nachfolger kürte eine Jury nun den Dettinger Luca Winterstein. Der Siebtklässler besucht das Graf-Eberhard-Gymnasium in Bad Urach und beteiligte sich an dem von der Stadt ausgeschriebenen Gedicht-Wettbewerb. Dieses Mal richtete sich der Aufruf ausschließlich an die Schulen in Bad Urach, wie Thomas Braun, Kulturreferent der Stadt, gestern im Rahmen eines Pressegesprächs erläuterte. Von der Resonanz, so Braun, sei er positiv überrascht: Immerhin 50 Gedichte sind entstanden, die Einsender stammen aus allen Jahrgangsstufen, vom Abiturienten bis zum Viertklässler. Schon aus diesem Grund, sagt Thomas Braun, habe sich die dreiköpfige Jury schwer getan, einen Sieger zu ermitteln. Nach intensiven Beratungen stand schlussendlich Luca Winterstein als Sieger fest.

Was der Dettinger verfasste, bleibt bis zum 1. Mai geheim. Dann darf der junge Poet seine Verse jenem Publikum vortragen, das sich ab 11 Uhr zusammenfindet, um vom Wanderparkplatz im Maisental ein Stück auf dem Poesieweg zurückzulegen. Abschluss mit Vesper ist im Seltbachhaus der Naturfreunde. Etwa eine Stunde, so erinnert sich Luca Winterstein, dauerte es, um das Gedicht über Urach zu verfassen. Die meiste Zeit benötigte der Gymnasiast, um einmal Geschriebenes wieder aus seinem Gedicht zu streichen. „Dabei“, sagt seine Deutschlehrerin Barbara Fischer, „konnte man ihm richtig beim Denken zusehen.“

Dass ausgerechnet ein Dettinger der Nachbarstadt ein Gedicht widmet, freut Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann besonders: „Das hat was.“ Mit dem jungen Poeten teilt der Bürgermeister im übrigen die Leidenschaft für Fußball. Luca kickt in der C-Jugend des TSV Dettingen auf der so genannten 6er-Position. Dort, sagt Rebmann, erfülle Luca eine anspruchsvolle Aufgabe, die Mit- und Vorausdenken verlange. Ohnehin hätten Lyrik und Fußball durchaus verbindende Elemente, weswegen der Rathauschef dem Siebtklässler ans Herz legte, beides weiterhin zu pflegen. Für die passende Lektüre kann Luca selbst sorgen, denn für sein poetisches Engagement erhielt er von der Stadt einen Gutschein für ein Buch.

Der Dichter-Wettstreit unter den Bad Uracher Schulen förderte ganz nebenbei manch lyrisches Talent unter dem Nachwuchs zu Tage, berichtet Thomas Braun. Die Jury jedenfalls habe viel Potenzial erkannt. Ihn freue dabei besonders, dass sich viele Schüler beteiligten, die weder schwäbische noch deutsche Wurzeln besäßen, aber gleichwohl Bad Urach als ihre Heimatstadt begriffen. Das widerspreche eklatant der gern gepflegten Meinung, Migranten lebten in einer eigenen, abgeschotteten Welt: „Das stimmt so nicht.“