Bad Urach Kritik an der Bezeichnung "Gebrüder-Gross-Straße" gerät zum Rohrkrepierer

Im Buch "Urach in der Zeit des Nationalsozialismus" steht wenig Diskreditierendes über die Gebrüder Groß. Foto: Thomas Kiehl
Im Buch "Urach in der Zeit des Nationalsozialismus" steht wenig Diskreditierendes über die Gebrüder Groß. Foto: Thomas Kiehl
Bad Urach / PETER KIEDAISCH 23.02.2013
Die geplante Straße entlang des künftigen Elsach-Centers hat nicht viele Freunde. Sie unterstützt ein umstrittenes Bauprojekt und dient dem Durchgangsverkehr. Nun soll auch ihr Name anstößig sein.

Davon, wie die eigene Vergangenheit einer Stadt zur Last werden kann, zeugen immer wieder unerquickliche Diskussionen. Solche über Ehrenbürger etwa, denen posthum eine Beteiligung am NS-Regime nachgewiesen wird. Sofern diese Auszeichnung bereits Jahrzehnte zurückliegt, kann die Sache unter der Rubrik "Ärgernis der Woche" abgetan werden. Erfolgt die Auszeichnung freilich erst jetzt, wäre "dumm" noch das freundlichste Attribut, um so einen Vorgang zu beschreiben. Dass der Gemeinderat der Stadt Bad Urach im September den Namen für die Straße am Elsach-Center beschlossen hat, dass nur wenige Wochen später der Arbeitskreis Stadtgeschichte das Buch "Urach in der Zeit des Nationalsozialismus" veröffentlichte, und dass sowohl hier als auch dort die "Gebrüder Groß" auftauchen: nur ein Zufall, der allerdings in den vergangenen Wochen allerlei Menschen beschäftigt hat. Die einen freiwillig, die meisten unfreiwillig.

Jedenfalls kam aus Reihen des Arbeitskreises Stadtgeschichte Kritik an der Bezeichnung dieser neuen Verbindung zwischen dem Ochsenbuckel und dem Grünen Herzen auf: Diese heißt, wir haben darüber berichtet, "Gebrüder-Gross-Straße" und trägt nach Meinung der Beschwerdeführer einen Namen mit nachweisbarer NS-Vergangenheit.

Ins Visier der ehrenamtlichen Mitarbeiter sind vor allem Erwin und Walter Groß geraten.

Beide waren zu Beginn der 30er Jahre kommunalpolitisch tätig, beide waren Stadträte, beide haben sich zumindest mit den NS-Machthabern früh arrangiert. Erwin Groß, so steht es im Buch des Arbeitskreises auf Seite 61 nachzulesen, war 1931 bereits Ratsherr. Er stand auf der Liste der Bürgerlich-Wirtschaftlichen Vereinigung und erhielt 1074 Stimmen. Walter Groß zog 1933 ins Gremium ein, allerdings für die NSDAP.

Die Frage, ob eine erst noch zu bauende Straße ausgerechnet einen Namen benötigt, der so weit in die braune Vergangenheit reicht, ist sicherlich legitim. Im Grunde sogar notwendig, denn ein Arbeitskreis, der sich mit Stadtgeschichte befasst, muss mehr ermitteln dürfen als Brauchtumsriten und Heimatfest-Rituale. Doch offenbar hat es diese Diskussion nie an die Öffentlichkeit geschafft. Mehr als Anspielungen hier und dort waren nicht zu hören. Warum? Der Verwaltung Vertuschungsabsicht zu unterstellen, wäre sicherlich unmäßig. Denn viel zu vertuschen gibt es gar nicht. Wenn man etwa alte Uracher fragt, und die waren damals noch Kinder, heißt es in der Regel, beide, Erwin und Walter, seien keine echten, keine hundertprozentigen Nazis gewesen. Da habe es in der Stadt ganz andere Kaliber gegeben. Kann man den beiden Fabrikanten ankreiden, 108 Zwangsarbeiter beschäftigt zu haben? Wohl kaum. Darüber hatten sie nicht zu entscheiden. Man könnte ihnen freilich vorwerfen, diese schlecht behandelt zu haben. Wenn dem so gewesen wäre. Dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte, weswegen sich der Arbeitskreis Stadtgeschichte mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen hat, die Sache nicht weiter zu verfolgen. "Ein heikles Thema", nennt Dr. Peter Sindlinger, der wissenschaftliche Leiter des Arbeitskreises, die Angelegenheit "Groß". Es gebe aber nichts Fundiertes zu diesem Thema zu sagen. Zwar haben Recherchen ergeben, dass mindestens einer der beiden in Parteiuniform rumgelaufen sei, aber was soll das beweisen? Als es im Gemeinderat um die Namensgebung dieser Straße ging, schlug die SPD/AB-Fraktion den früheren SPD-Bürgermeister Friedrich Gerstenmaier vor. Ein Mann mit durchaus vielen Verdiensten, aber auch nur ein Kind seiner Zeit, wie es Fotos auf Seite 42 dieses Buchs beweisen: Dort steht er stramm. In Uniform. Nein, sagt Sindlinger. Die im Buch veröffentlichten Fakten reichen nicht aus, um Erwin und Walter Groß zu diskreditieren. Ähnlich äußert sich auch Stefanie Leisentritt, ebenfalls studierte Historikerin. Sie war für den Arbeitskreis im Sigmaringer Staatsarchiv, wo sie die Entnazifizierungsakten sichtete. Nichts. Die Sache, sagt sie, ist aufgebauscht. "Ich sehs problemlos. Das gab es doch in jeder Familie." Als Anfang der 90er Jahre die Gebrüder Gross ihr Unternehmen in die Insolvenz führten, gelang es ihnen, den damals verdienten Gewerkschaftssekretär und SPD-Stadtrat Helmut Edel in Rage zu bringen. Die seinerzeit Beschäftigten, so erinnern sich heute Weggefährten, hätten nicht viel aus der Insolvenzmasse erhalten, ganz zu schweigen von einem Sozialplan. Aber Recherchen bei der Gewerkschaft sind mühsam, Helmut Edel lebt nicht mehr, die IG Textil ist längst ihrerseits im Orkus der Geschichte verschwunden. Deren Geschäfte übernahm die IG Metall, doch in Reutlingen weiß man mit der Firma Gross nichts mehr anzufangen. Zu lange her.

Egal, sagt die Stadtverwaltung und geht mit dieser Einschätzung mit der des Arbeitskreises Stadtgeschichte konform. Um Erwin und Walter Groß gehe es gar nicht bei der Namensgebung, vielmehr um die Brüder Rudolf und Eugen Groß, also die Gründer des Unternehmens. Um alle Missverständnisse gleich auszuräumen, wird unter dem Straßenschild eine Erklärungstafel angebracht werden, auf der zu lesen sein wird: "An diesem Ort stand die Baumwollspinnerei und -weberei Gebrüder Gross, gegründet 1868 von den Brüdern Rudolf und Eugen Groß". Damit, das teilt die Stadtverwaltung auf Nachfrage mit, "zielt die Entscheidung mit der Namensgebung ganz bewusst darauf ab, an die Firma Gebrüder Gross zu erinnern, die für das wirtschaftliche Leben und die industrielle Entwicklung der Stadt im 19 Jahrhundert von großer Bedeutung war. Gebrüder Gross war der bedeutendste Arbeitgeber für die Stadt und ihr Umland. Damit der Standort dieses Unternehmens nicht in Vergessenheit gerät, erfolgte der Vorschlag, die neue Straße nach der Firma zu benennen".

Insofern spielt auch die Kirchengemeinderatsaustrittsrede des Fabrikanten Erwin Groß keine Rolle mehr. 1936 schied er aus dem kirchlichen Gremium aus mit der Begründung, Äußerungen der Geistlichen hätten ihn als Nationalsozialisten in Gewissenskonflikte gestürzt.

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