Bad Urach Kraftvoll und träumerisch

Viktoria Hirschhuber (links) und Lika Bibileishvili begeisterten beim Musikherbst.
Viktoria Hirschhuber (links) und Lika Bibileishvili begeisterten beim Musikherbst. © Foto: Susanne Eckstein
Bad Urach / Von Susanne Eckstein 02.10.2018

Während das Festival zunehmend Ungewohntes und Neues ins Programm einbezieht, haben angehende „klassische“ Pianisten diesbezüglich keine Chance. Sie unterliegen einem enormen Leistungs- und Anpassungsdruck, und ohne ein gerüttelt Maß an Selbstdisziplin und Willenskraft kommen sie nicht weit. Ein wenig davon war bei dieser Matinee der jungen „Überfliegerinnen“ zu spüren, beide vertreten in beeindruckender Weise die kommende Pianistengeneration.

Im Wechsel treten sie aufs Podium: zum einen Viktoria Hirschhuber, 22 Jahre alt, gebürtige Innsbruckerin, mit 15 schon am Mozarteum und seit 2014 Schülerin von Professor Pavel Gililov, zum anderen Lika Bibileishvili, 30, aus Georgien. Sie spielte schon mit zwölf Jahren (unter anderem) Rachmaninovs 1. Klavierkonzert, ab 2008 studierte sie in München, 2016 begann sie ein Postgraduate-Studium (ebenfalls) am Mozarteum in Salzburg.

Ernst und hochkonzentriert macht sich jede für sich ans Werk, beide musizieren technisch sicher und komplett auswendig. Dadurch, dass sie im Wechsel auftreten, drängen sich Vergleiche auf. Viktoria Hirschhuber beginnt mit Mozart, den Variationen über ein Menuett von Duport (KV 573): unprätentiös, einfach und klar. Lika Bibileishvili folgt mit einer Auswahl aus den Petrarca-Sonetten von Franz Liszt – stilistisch eine ganz andere, üppige Welt. Es gelingt ihr, mit wandlungsfähigem Anschlag das Ohr zu öffnen und zu fesseln; ihre Hände erzählen, träumen und phantasieren mit Liszt.

Ins romantische Repertoire geht danach auch die Jüngere über: Robert Schumanns „Waldszenen“ kommen ihr mit ihrem poetischen Charakter entgegen. Dieser will allerdings herausgehoben sein; dafür braucht es noch etwas mehr Reife. Erschienen die Szenen zu Beginn noch allzu harmlos, übersetzte die junge Pianistin zum Ende hin Schumanns ambivalente Stimmungen.

Der zweite Teil der Matinee gehörte weitgehend Lika Bibileishvili. Neben ihren souveränen Interpretationen wirkte die Chopin-Ballade Nr. 1, die die junge Österreicherin dazwischen darzubieten hatte, trotz der bewundernswerten Leistung etwas blass. Lika Bibileishvili liegt offenbar die vollgriffige Pianistik nach spätromantischer Art; auch die späte Beethoven-Sonate op. 110 (ein Psychogramm in As-Dur?) klang ein wenig wie ihr Liszt: träumerisch, erzählend, dabei kraftvoll und zielgerichtet trotz der ungewohnt schweifenden Klangsprache. Gerade den etwas rätselhaften dritten Satz mit der Fuge bewältigte sie nicht nur manuell, sondern auch mental, und beeindruckte durch strukturierende Kraft und opulenten Klang.

Sergej Rachmaninows manchmal geradezu überladene Klaviermusik liegt ihr wohl besonders, sie beschloss die Matinee mit seiner Bearbeitung von Kreislers „Liebesfreud“ und der „Polka de W.R.“ (mit W.R. war Sergejs Vater Wassili Rachminov gemeint). Hinter den schlichten Titeln verbergen sich vollgriffige Kaskaden und atemberaubende Rückungen. Pianistisch der helle Wahnsinn, für Lika Bibileishvili und ihre musikalischen Löwenpranken aber ein gefundenes Fressen. Welche Virtuosität, was für ein Gestaltungswille! Viel Applaus für beide „Überfliegerinnen“.

Komponist Morten Lauridsen heute beim Festival

Die Herbstlichen Musiktage bieten heute: Seelenlieder, O Magnum Mysterium, Liederabend mit Gesängen von Franz Schubert und Morten Lauridsen (ist anwesend), 19.30 Uhr, Residenzschloss Urach.

Teil I: Lieder von Morten Lauridsen (*1943) und Franz Schubert.

Teil II Chorstücke und Lieder von Morten Lauridsen: A Winter Come; Nocturnes; Prayer; Dirait-On.

Teil III - Chorstücke/Lieder von Lauridsen aus Madrigali: Six „FireSongs“; Les Chansons des Roses; Ya eres mia; O Magnum Mysterium

Ausführende: Florian Pray (Bariton); Morten Lauridsen (Klavier und Komposition); Birgitta Eila (Klavier); Ulrich Eisenlohr (Klavier); Brigitte Geller (Sopran); Nicol Matt (Leitung); Chamber Choir of Europe

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