Die Geschichtsbücher müssen umgeschrieben werden. Zumindest, wenn sie Bad Urach und sein Residenzschloss zum Thema haben. Bisher galt als gesichert, dass das Schloss in den Jahren 1442/43, anlässlich der damaligen Reichsteilung erbaut wurde. Doch mit diesem Buchwissen räumte Bauhistoriker Tilmann Marstaller am vergangenen Samstagnachmittag gründlich auf. Er präsentierte seine neuesten Forschungsergebnisse und mit ihnen eine kleine Sensation: Das Holz, das im Dachwerk des Schlosses verbaut wurde, stammt zweifelsfrei aus dem Jahr 1399 und 1400. Die Fertigstellung des Schlosses datiert demnach lange vor dem bisher angenommenen Jahr. Der Historiker ist sich seiner Sache sicher, bedient sich der Experte doch einer Analysemethode, mit der er anhand charakteristischer Anordnungen von Jahresringen altes Gebälk auf das Jahr genau datieren kann. 2010 standen zu solch einer dendrochronologischen Untersuchung zahlreiche Gebäude Bad Urachs an. Das Ziel war es, ein originalgetreues Modell der Stadt zu erschaffen, wie sie sich im Jahre 1482 zeigte. Marstaller entnahm 14 Holzproben aus dem Schlossgebälk und seine Ahnung bestätigte sich: "Ich hatte immer ein komisches Gefühl. Das Datum stand für mich schon immer zur Disposition." Sein Gefühl wurde zur Gewissheit, zumal eine Zweitverwertung des Baumaterials ausgeschlossen wird.

"Wir müssen nun ganz neu denken. Alles passt nicht mehr zusammen", bilanzierten die beiden Organisatorinnen der Vortragsreihe, Dr. Patricia Peschel von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg, und Janna Almeida, die Leiterin der Schlossverwaltung. Marstallers Neuigkeit sorgte für überraschte Mienen und für erhöhten Gesprächsbedarf. Nicht nur bei den Gästen, sondern auch bei den Historikern selbst. Marstallers Ergebnisse werden eine Menge Kopfzerbrechen und Arbeit nach sich ziehen.

"Jetzt gehen die Forschungen erst richtig los", ist sich Peschel sicher. Warum baute man hier dieses riesige Schloss, wo es doch damals die Wasserburg gab? Sind zwei ebenso repräsentative wie prunkvolle Festsäle wie der Palmensaal und der Goldene Saal (der Goldene Saal gilt als einer der schönsten Renaissance-Festsäle Deutschlands) nicht etwas überdimensioniert für ein Jagdschloss? Gab Antonia Visconti, ab 1380 die vermögende Gattin Graf Eberhards III. von Württemberg, den Anstoß zum Bau? Fragen, die nun im Lichte der neuen Erkenntnisse weitere Archiv- und Quellenarbeiten nach sich ziehen werden. Neue Sichtweisen und Bewertungen sind schon jetzt programmiert.

Die erste Vortragsreihe dieser Art in Bad Urach konnte also gleich mit einer kleinen Sensation aufwarten. Doch auch vor und nach Marstallers Vortrag gab es für rund 100 Gäste Spannendes und Wissenswertes zu hören. In insgesamt 17 Vorträgen beleuchteten ausgewiesene Fachleute verschiedenste Aspekte Bad Uracher Geschichte, vom historischen Wirtschaftsleben bis hin zur Baugeschichte und dem reichen Kulturleben in der Stadt.

Eine Kontaktbörse für die Fachwelt einerseits, aber gleichzeitig auch ein offener Rahmen für all diejenigen, die sich für Geschichtsforschung interessieren, zog Allmeida eine zufriedene Bilanz des Wochenendes. In allgemein verständlicher Sprache wurden die Gäste in den aktuellen Stand der Wissenschaft eingeweiht und gewannen durch verschiedene Blickwinkel ein rundes Bild. Ende des Jahres wird man die Erkenntnisse der Vortragsreihe auch nachlesen können. Sämtliche Vorträge sollen bis dahin in einem Tagungsband veröffentlicht sein. Weitere Druckerzeugnisse, wie aktualisierte Bücher, Prospekte und Infomaterialien werden folgen müssen. Dank Tilmann Marstaller, dem Experten mit dem richtigen Gespür.