Bad Urach Kanada statt Lange Straße

Lederwaren Schwenkel in der Langen Straße 11 in Bad Urach schließt. Inhaber Christoph Rave hat keinen Nachfolger gefunden und möchte mit 48 Jahren einen Neuanfang wagen. „Vieles ist in der Vergangenheit zu kurz gekommen“, sagt der Bad Uracher.
Lederwaren Schwenkel in der Langen Straße 11 in Bad Urach schließt. Inhaber Christoph Rave hat keinen Nachfolger gefunden und möchte mit 48 Jahren einen Neuanfang wagen. „Vieles ist in der Vergangenheit zu kurz gekommen“, sagt der Bad Uracher. © Foto: Alexander Thomys
Alexander Thomys 05.01.2018

Es ist in der Bad Uracher Langen Straße nicht zu übersehen: Lederwaren Schwenkel schließt. Die Geschäftsaufgabe für Inhaber Christoph Rave aber auch einen Neubeginn: Den 48-Jährigen zieht es nach Kanada. Auf dem amerikanischen Kontinent will Rave mindestens ein Jahr lang leben – wie es dann weitergeht, hält sich der gelernte Raumausstatter offen.

Schließen wird mit Raves Rückzug dagegen das traditionsreiche Geschäft in der Bad Uracher Einkaufsmeile. „Schwenkel Lederwaren und Raumaustattung“ ist für die Kurstädter seit langem ein Begriff. Renate und Paul Schwenkel hatten das Geschäft jahrzehntelang geführt – und sich dann auf den wohlverdienten Ruhestand gefreut. Der wollte sich zunächst aber nicht einstellen: Ein Nachfolger stand zwar parat, sprang aber im letzten Moment ab. Und Christoph Rave ein. „Zuerst habe ich gedacht, der Laden ist für mich fünf Nummern zu groß“, erinnert sich Rave schmunzelnd an seinen Start in der Kurstadt. „Ich kam frisch von der Meisterschule und hatte eher theoretische Erfahrung, der Verkauf von Lederwaren war für mich komplettes Neuland.“ Doch die Schwenkels nahmen dem heute 48-Jährigen die Bedenken, „sie haben mich gut unterstützt und eingeführt“, sagt Rave heute.

Über 20 Jahre ist das inzwischen her. Im Mai 1997 übernahm der gebürtige Hamburger, der als 13-Jähriger nach Münsingen kam und seine Ausbildung in Böttingen absolvierte, das Bad Uracher Traditionsgeschäft. „Mir ging es immer dann besonders gut, wenn etwas herausforderndes, etwas Neues anstand“, sagt Christoph Rave über sich. „Zu lange am gleichen Ort zu sein, da wird mir langweilig.“

Über zehn Jahre war Bad Uracher dieser Ort. Zwei Ladenumbauten führte der Geschäftsinhaber in dieser Zeit durch, engagierte sich im BNI-Unternehmernetzwerk in Reutlingen und war als Raumausstatter auch stets bei seiner Kundschaft präsent. „Ich hatte hier sehr gute Jahre, fühlte mich wohl und habe in Urach ein altes Haus gekauft und umgebaut“, berichtet Rave. Doch irgendwann zog es ihn wieder in die Ferne.

2015 führte eine Sprachreise Rave für drei Monate in die Vereinigten Staaten. Sein Geschäft führten in dieser Zeit seine Mitarbeiter, denen er stets großes Vertrauen entgegenbrachte. „Wir waren hier ein tolles Team“, sagt Rave. Mit Sprachschülern „aus der ganzen Welt“ kam Rave in den USA zusammen, viele neue Freundschaften entstanden. Und die Idee, nach Kanada zu gehen. Nach Vancouver. „Das ist eine faszinierende Millionenstadt, sie hat etwas von Manhattan, eine große Lebendigkeit und spannende Architektur“, sagt Rave voller Begeisterung.

„Ein Sabbatjahr zur Orientierung“ soll es sein, erklärt Rave. „Ausgang offen“, sagt der Noch-Bad Uracher. „Ich bin total offen. Das wird sich entwickeln.“ Den Abschied indes gestaltete der 48-Jährige sehr persönlich: „Ich habe rund 2000 Briefe an unsere Stammkunden geschrieben.“ Sie erfuhren bereits von der Geschäftsaufgabe, als der Räumungsverkauf noch eine ganze Weile entfernt war.

Zugleich bemühte sich Rave um einen Nachfolger. Vergeblich. Ob das am wachsenden Internethandel liegt, der den Einzelhändlern zunehmend zu schaffen macht? Rave sieht das mit 20-jähriger Erfahrung differenzierter. „Grundsätzlich wird vieles gerne schlimmer dargestellt, als es ist“, sagt der 48-Jährige.

Zwar habe er auch Umsatzrückgänge zu spüren bekommen, doch „auf dem Marktplatz in Bad Urach ist immer die Hölle los. Wir haben Besucher aus der ganzen Welt“. Zwar müsse man ins Online-Geschäft einsteigen, dabei aber auch „Nähe und Identität“ vermitteln – was eben die Stärken des lokalen Handels seien. Rave praktizierte dies beispielhaft, etwa auch mit eigenen Videos auf seiner Internetseite, die nicht nur sein Geschäft, sondern auch seine Persönlichkeit transportieren sollten.

Vieles kam zu kurz

„Im April soll Schluss sein“, sagt Rave. Nicht nur mit den Lederwaren, sondern auch mit seinem zweiten Geschäftszweig, der Raumausstattung. „Ende des Jahres geht es dann nach Kanada.“ Und bis dahin? „In den letzten 20 Jahren kam vieles zu kurz“, berichtet Rave. 80-Stunden-Wochen als Selbstständiger seien da eher die Regel als die Ausnahme gewesen. „Freundschaften, Reisen, Hobbys“, sollen nun – neben seiner Freundin – mehr Zeit und Aufmerksamkeit bekommen. Ein weiteres persönliches Ziel: „Berlin kennenlernen.“

Im Gespräch wird schnell klar. Rave geht. Nicht, um Bad Urach zu verlassen, sondern um die Welt kennen zu lernen.