Dettingen Jede Kinokarte ist ein Statement

Von Peter Kiedaisch 09.01.2018

Eine alte Uracher Bekannte, die freilich noch gar nicht alt ist, war dieser Tage leicht entblößt im Fernsehen zu sehen. Mira Bartuschek, die in der vor wenigen Jahren in Bad Urach gedrehten Vorabendserie Fuchs und Gans eine Hauptrolle spielte, zeigte ihre Brust, und manche Zuschauer aus der Region werden sie mit dem Ermstal in Verbindung bringen und gedanklich eine Brücke schlagen zum Produzent Frieder Scheiffele, der dieser Tage seinerseits in „Do goht dr Doig“ einen Film ins Kino gebracht hat.

Aber: Fuchs und Gans war ja eine ganz andere Baustelle. Eine, mit der Frieder Scheiffele nichts zu tun hatte und die für ihn mit einigen schmerzlichen Erinnerungen verbunden ist.

Eine andere Produktionsfirma hatte seine Idee, in Bad Urach wieder Geschichten zu verfilmen, adaptiert. Und ihm allenfalls eine Hausmeistertätigkeit in Aussicht gestellt, nachdem es mit seiner Firma Schwabenlandfilm nicht mehr weiterzugehen schien. Er hat dankend abgelehnt und mit seinem Team einige Jahre hart gearbeitet.

Jetzt ist er zurück und hofft, dass sein Bäckerstreit im Kino zieht und dass die Auswertung gut läuft. Nicht, weil er damit reich werden möchte. So vermessen ist er nicht. Aber er will weiterhin seinen Traumberuf ausüben dürfen und davon leben können.

Herr Scheiffele, Frau Bartuschek in einer Oben-Ohne-Szene: Hätten Sie das von der die Journalistin Emily Gans vom „Bad Uracher Boten“ in der Serie „Fuchs und Gans“ spielenden Schauspielerin erwartet?

Frieder Scheiffele Ach, war das so? Ich habe es nicht gesehen. Im Fernsehen geht es heutzutage doch eher prüde zu im Vergleich zu den 70er bis 90er Jahren.

Ihre Erinnerung an die Drehs für Fuchs und Gans dürften getrübt sein. Schließlich zog eine andere Produktionsfirma in ihre alte Laible-und-Frisch-Backstube ein, während Ihr Projekt gestorben schien.

Das stimmt. Das war eine schwierige Zeit für mich. Ich musste, nachdem ich 2011 alle Produktionsmöglichkeiten verloren hatte, wieder von Anfang beginnen. Dann bekam ich von der MFG-Filmförderung Baden-Württemberg ein für mich wichtiges, bedingt rückzahlbares Darlehen in Höhe von 150 000 Euro. Damit möchte die MFG den Filmstandort unterstützen. Das gab uns die Möglichkeit, uns breiter aufzustellen. Ich habe in drei Jahren rund 19 Projekte entwickelt, das heißt, ich konnte jeweils zwischen 3000 und 30 000 Euro dafür investieren.

Eines Ihrer Projekte, aus dem ein Film wurde, hat man sogar für den Grimme-Preis nominiert.

Ja. der Mut des SWR wurde bei „Dolores“ belohnt, damit kamen wir sogar unter die besten 20 von mehr als 1000 eingereichten Vorschlägen. Wir waren dasselbe Kern-Team wie bei „Laible und Frisch“ und hatten die Aufgabe, aus einem belgischen Comic ein gutes Drehbuch zu schreiben. In Udo Schenk hatten wir einen prominenten Hauptdarsteller.

Welche Bedeutung hat der Film Dolores für Sie?

Dolores war künstlerisch ein schöner Erfolg. Dass Dolores im SWR leider samstagabends um 21.50 Uhr lief, war schade. Die ARD hat den Film wiederholt, weil er gut ist und es verdient hat, aber die Sendezeit war leider auch schwierig. Da lief er um 0.40 Uhr. Insgesamt sahen ihn über 250 000 Zuschauer. Das ist gar nicht schlecht für so eine anspruchsvolle Nummer. Und, das Wichtigste: Wir waren wieder zurück im Spiel.

Haben Sie diesen Erfolg gebührend gefeiert? In Ihrer Branche lässt man doch gerne mal die Korken knallen.

Wir hatten keine Zeit dafür. Eigentlich können wir nie sorgenfrei in die Zukunft blicken. Ich habe eine 60-Stunden-Arbeitswoche. Dazu kommen viele Ehrenämter. Lediglich während der Drehzeit wächst das Personal auf 50 bis 60 Leute an, dann habe ich mehr Unterstützung. 60 Stunden in der Woche: Filme machen ist also ein Knochenjob. Um so einen Film überhaupt machen zu können, muss man Berge an Anträgen stellen. Der Markt ist durchtränkt von Verquickungen und Seilschaften. Zudem werden nicht alle Projekte ausgeschrieben. Mein Leben hat mit langen Bürozeiten zu tun, ich bin viel unterwegs und habe wenig bis gar keinen Urlaub, dasselbe gilt für meinen Drehbuchautor Sebastian Feld und für den Mitgesellschafter Christian Hünemörder. Ein Beispiel: Viele Firmen haben unser Projekt mit „Laible und Frisch“ zum Glück finanziell unterstützt. Dafür erhalten sie ein kleines Bonbon, eine eigene Filmvorführung und die Möglichkeit, mit Künstlern und Filmschaffenden ins Gespräch zu kommen. Deswegen sind wir seit Ende November fast jeden Abend unterwegs. Wir waren in Karlsruhe, Stuttgart, Reutlingen und Bad Urach und hatten dadurch schon 2500 Zuschauer. Seit 27. Dezember sind wir auf Kinotour in ganz Baden-Württemberg. Wir müssen die ersten eineinhalb Wochen nach Erscheinen des Films nutzen. Wenn da nicht viele Zuschauer kommen, nehmen die Verleiher den Film sofort wieder aus dem Programm. Die Konkurrenz ist groß. Jedes Jahr erscheinen etwa 800 neue Filme. Wenn man bedenkt, dass das Luna in Metzingen eine Leinwand und das Forum 22 in Bad Urach auch nur zwei Leinwände hat, wird schnell klar, dass nicht jeder Film in alle Kinos kommen kann.

Läuft „Do goht dr Doig“ bundesweit?

Vorläufig nicht, im Moment bespielen wir Baden-Württemberg und München.

Warum eigentlich Kino, warum nicht Fernsehen?

ARD und Arte haben bislang leider abgewinkt. Wenn es bayerisch wäre, dann vielleicht.

Hat die Me-too-Bewegung Sie auch schon erreicht, oder haben Sie sich als Produzent in der Hinsicht nichts vorzuwerfen?

Bestimmt nicht. Wir sind ganz weit entfernt von der Glitzerwelt, und ich bin froh darüber. Ich muss meine Leute mit wenig Geld bei Laune halten, das schaffe ich nicht, indem ich sie auf irgend eine Art bedränge. Im Gegenteil: Es gibt ein Ranking über die fairsten Produktionsfirmen. Von 150 aufgeführten sind wir auf Platz 10 gelistet. Das ist uns wichtiger als Partys.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Menschen Freude bereiten zu können sowohl bei der Herstellung wie auch später bei der Auswertung. Deswegen sind Filmproduktionen so anspruchsvoll. Von Produktion zu Produktion sind es ständig wechselnde Personen, das sieht man ja beim Abspann. Mit allen habe ich zu tun. Man muss übrigens auch auf die Bevölkerung Rücksicht nehmen, etwa bei Außendrehs, wenn Straßen abgesperrt werden müssen. Da wurden Mitarbeiter von uns manchmal übel beschimpft. Es wird auch immer wieder versucht, sich an uns zu bereichern. So ist es halt, Filme wollen die Leute sehen, aber wenige machen sich Gedanken darüber, dass die auch hergestellt werden müssen.

Haben Sie keine Lobby?

Bislang kaum. Über die IHK Reutlingen ist es gelungen, einen Ausschuss für die Medien- und Filmwirtschaft aus der Branche heraus ins Leben zu rufen, der nun endlich die Interessen bündelt und ausgewogen an die Politik spiegelt. Das ist im Land Baden-Württemberg einzigartig und hat viel Potenzial. Über die Teilhabe entscheidet nicht der Geldbeutel, sondern die Vollversammlung der Kammer.

Wie kommt „Do goht dr Doig“ an?

Ich habe mich in Reutlingen mal inkognito unters Filmpublikum gemischt und habe mich gefreut: Es war ein schönes Gefühl zu sehen, dass alle an der richtigen Stelle lachen. Ich wünsche mir, dass Laible und Frisch ausreichend Zuschauer erreicht. Das Potenzial ist jedenfalls da. Jeder, der ins Kino geht, setzt durch den Kauf einer Kinokarte ein Zeichen und sagt: Ich unterstütze diese Produktion. Jeden Abend melden die Kinobetreiber unserem Verleih Kinostar die aktuellen Zahlen, die analysiere ich. Kino ist ja fast wie Theater, man erlebt die Zuschauer, die den Film sehen und hat über die verkauften Tickets am Ende ein klares Ergebnis.

Gesetzt den Fall, der Film läuft richtig gut...

...dann habe ich die Chance, weiterzumachen. Beim Fernsehen entscheiden die Sender autark, beim Kino können die Zuschauer Einfluss nehmen. Wer regionale Filme sehen möchte, sollte in unseren Film gehen und uns damit unterstützen. Der Verbraucher hat einen größeren Einfluss als gedacht. Das ist auch eine der Kernaussagen von „Do goht dr Doig“. Es liegt in der Stärke der Gemeinschaft, etwas hinzubekommen.