Musiktage Im Glutofen der Leidenschaft

„Gefühlte Heimat“: Die bulgarische Opernsängerin Vesselina Kasarova sang Lieder von Rachmaninow und Tschaikowsky.
„Gefühlte Heimat“: Die bulgarische Opernsängerin Vesselina Kasarova sang Lieder von Rachmaninow und Tschaikowsky. © Foto: Eckstein
Bad Urach / Susanne Eckstein 06.10.2018

Vesselina Kasarova ist eine Mezzosopranistin von Weltruf – als Opernsängerin. Fürs Liedfach eignet sich ihre gerade in der Tiefe ungemein starke, weit tragende Stimme und ihre plakative Art der Darstellung weniger. Die langjährigen Bad Uracher Festivalbesucher (nur relativ wenige waren in die Festhalle gekommen) wissen, dass das Kunstlied ganz andere Anforderungen stellt als die Oper. Vor allem die nuancierte Gestaltung mit Sprache und Text.

Jahr für Jahr versuchen die Meisterkurs-Dozenten – in der Regel selbst Opernsänger – ihren Zöglingen dies beizubringen.

Auch Vesselina Kasarova selbst hat in einem früheren Interview betont, wie wichtig es sei, zu verstehen. „Singen ist fühlen, um was es geht“ – und dies den Zuhörern zu vermitteln.

Das war an diesem Abend eher schwierig: Im Liederzyklus „Les nuits d’été“ von Hector Berlioz mangelte es nicht nur an Verständnis für die französische Lyrik, sondern auch an der korrekten Aussprache. Das ganze Programm litt unter einer Sprachbarriere. Zunächst seitens der Sängerin wie auch des Publikums (französischer Text), danach seitens der Zuhörer (russischer Text); hier halfen die abgedruckten Übersetzungen zwar weiter, machten aber auf die Kluft zwischen Wort und Darbietung aufmerksam.

Die Klavierbegleitung stand allzu dezent im Schatten des kraftvollen Gesangs.

Im zweiten Teil folgten auf Lieder und Romanzen von Sergej Rachmaninow solche von Peter Tschaikowsky. Es handelte sich um romantische Lyrik-Vertonungen nach Puschkin (mehrfach), Pleschwejew, Heine, Shevchenko, Fet, Tolstoi, Goethe und Maykow, mit Titeln wie „Die Frau des Soldaten“, „In der geheimen Stille der Nacht“ oder „Wiegenlied“, darunter „Nur wer die Sehnsucht kennt“ auf russisch.

Hier hätte man Gelegenheit gehabt, absolut hörenswerte russische Liedkunst in einer eventuell authentischen Interpretation kennenzulernen.

Doch auch über die emotionale Aussage war der Gehalt der Lieder nur bedingt vermittelbar, denn Vesselina Kasarova kannte offenbar nur die Extreme: Vage Töne in der mittleren Lage, imposant forcierte Stimmkraft hingegen in lauteren Passagen und hohen Lagen, wo sie großes, schmerzhaftes Gefühl im Glutofen der Leidenschaft härtete. Der leise und mittlere Bereich erschien unterbelichtet.

Hinzu kam eine eher schematische Körpersprache, die die Unterschiede der Lieder und ihrer jeweiligen Aussage einebnete, sowie eine nach unten tendierende Intonation. Um Berlioz (bzw. Gautier) zu zitieren: unendliches Weh – um diese großartige Sängerin.

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