Wittlingen Hutterer auf dem Hohenwittlingen

Wittlingen / GUDRUN SCHMIED 19.11.2013
Geschichte wird an Orten erlebbar, wo die Vorstellungskraft der Besucher die Ereignisse lebendig werden lässt. Für Nachfahren der ab 1560 auf dem Hohenwittlingen inhaftierten Hutterer war dies möglich.

Wenn Steine sprechen könnten, hätten die Quader, die die Mauern der Burgruine Hohenwittlingen bilden, viel zu erzählen. Ab 1560 diente die im elften Jahrhundert erbaute Burg als Internierungslager für Männer aus den württembergischen Wiedertäufergemeinden der Hutterer.

Die Hutterer strebten ein Leben in der Nachfolge Christi an und tauften nur Menschen in einem Alter, in dem diese sich bewusst für den Glauben entscheiden konnten, verweigerten den Kriegsdienst und den Eid. 1528 durch Jakob Hutter in der Schweiz gegründet, sahen sich die Hutterer in ganz Europa immer wieder Verfolgungen ausgesetzt und emigrierten schließlich nach Kanada, England und in die USA. Die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft leben auch heute noch in engen familiären Gruppen und sprechen eine dem Südtiroler Dialekt ähnliche Sprache.

Eine Gruppe der Hutterer aus USA und England hat vor wenigen Wochen Wittlingen besucht. Sie hatten in ihren Familienunterlagen Belege über die Haft ihrer Vorfahren auf dem Hohenwittlingen gefunden. Otto Rauscher zeigte ihnen die Ruine der Festung, in der ihre Glaubensbrüder inhaftiert waren. Dort erinnert seit einigen Jahren eine Gedenktafel an die Gefangenschaft und an die beiden Vorsteher Paul Glock und Matthias Binder. Eine Gefangenschaft, die allerdings nicht allzu streng war, vermutet Rauscher. Es ist belegt, dass Paul Glock Briefe über lange Strecken zu Fuß transportiert hat und freiwillig auf den Hohenwittlingen zurückgekehrt ist.

Die sieben Besucher, die sich auch in Südtirol und Kärnten ein Bild von den Orten der Geschichte ihrer Vorfahren machten, zeigten sich beeindruckt von der Ruine und den historischen Fakten, die Rauscher weitergeben konnte.

Noch heute leben die Hutterer in engen Familienverbänden und sind ihrem Glauben, der ein Leben nach dem Vorbild der christlichen Urgemeinde vorsieht, treu.

Rund 45 000 Hutterer leben heute in USA, Kanada und England, einige auch in Deutschland, in immer noch relativ abgeschlossenen Gemeinschaften, den Bruderhöfen.

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