Bad Urach Hohes Können, reiche Erfahrung

Bad Urach / SUSANNE ECKSTEIN 26.05.2013

Bad Urach. Dass Kirchenmusikdirektor Prof. Ingo Bredenbach als ehemaliger Rektor der Hochschule für Kirchenmusik, vielfach tätiger Dozent und Chorleiter und jetziger Bezirkskantor im Evangelischen Kirchenbezirk Tübingen sowie Kantor der Tübinger Stiftskirche sich trotz der enormen Beanspruchung noch Zeit nimmt für Orgelabende, ist hoch erfreulich. Als Organist und Orgeldozent verfügt er über hohes Können und reiche Erfahrung, zahlreiche CD-Einspielungen zeugen davon. Für sein Konzert in der Stiftskirche St. Amandus wählte er nicht die große Orgel, sondern die 2001 von der Firma Mühleisen gebaute kleine Chor-Orgel, die an der Seitenwand des Chorraums hängt.

Optisch halb versteckt und mit ihren 19 Registern relativ schmal, erwies sie sich unter Bredenbachs kundigen Händen und der Register-Assistenz des „Hausherrn“ Armin Schidel als vollwertiges Instrument mit einem enormen Klang- und Farbreichtum, akustisch besonders genussreich wahrnehmbar vom Chorraum aus.

Das leider nur sparsam angekündigte und ohne Werkeinführung dargebotene anspruchsvolle Programm unter dem Titel „Vorbilder und Entwicklungen – J. S. Bach und die norddeutsche Orgelkunst“ vollzog den Lehrer-Schüler-Weg von Jan Pieterszoon Sweelinck über Heinrich Scheidemann und Dietrich Buxtehude zu Johann Sebastian Bach nach.

Hörbar gemacht wurde der Gang durch die Geschichte an den freien Gattungen wie Toccata, Präludium und Passacaglia sowie – mehrfach thematisch verknüpft – an der Choralbearbeitung. Der Choral „Vater unser im Himmelreich“ war in Bearbeitungen von Sweelinck, Scheidemann und Buxtehude vertreten, „Ein feste Burg ist unser Gott“ in Werken von Buxtehude und Bach; als Cantus firmus mal mehr, mal weniger deutlich erkennbar im satztechnisch strengen und fantasievollen Spiel der Stimmen, dargeboten im Wechsel mit Toccaten und Präludien. Bredenbach nahm alle Stücke in relativ schnellem Tempo, präziser Technik und straffem Duktus; Beschaulichkeit oder ruhige Detail-Darlegung sind offenbar nicht seine Sache.

Dafür zog er, was die Klangfarben betrifft, gemeinsam mit Armin Schidel alle Register der Mühleisen-Orgel. Im zweimanualigen Spiel wechselte der Charakter nicht nur satz-, sondern abschnittsweise, von scharf konturierten hin zu weichen Stimmen, vom ausdrucksvollen Solo zum üppigen Tutti und zurück.

Für den Hörer erwies sich die ständig wechselnde Farbenpracht zum einen als fesselnder Klangreiz, zum andern aber auch als Hindernis im Nachvollzug der Werkzusammenhänge: Die durch Registerwechsel bedingten Zäsuren durchkreuzten die Werk-Gliederung.

Gerade bei den Kompositionen von Heinrich Scheidemann – Bredenbachs Lieblingskomponist, wie er bei der Zugabe erwähnte, dem breiten Publikum aber fremd – war es nicht einfach, die Stücke beim ersten Hören abzugrenzen.

Ansonsten bestach Bredenbach durch virtuoses, doch unprätentiöses Spiel. Die barocke Verbindung von Choral und freier Gestaltung, von Strenge und Verspieltheit machte er sinnfällig in klarer, linearer Stimmführung, eher präzis und kernig als weich, geradezu imposant im melodisch deutlichen Pedalbass von enormer Wucht und grandioser Tiefe. Geradezu fesselnd wirkte seine Interpretation dann, wenn er frei zu improvisieren schien und – am Ende – Bachs Meisterschaft in eindrucksvoller Farbigkeit und Dichte zur Geltung brachte. Viel Beifall, eine Zugabe.

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