Bad Urach Himmlische Perfektion im Dienst des Originals

Hochkäratiges Musikherbstfinale: Die Gaechinger Cantorey mitsamt Solisten führte unter Pultchef Hans-Christoph Rademann Händels „Messias“ in der Bad Uracher Amanduskirche auf.
Hochkäratiges Musikherbstfinale: Die Gaechinger Cantorey mitsamt Solisten führte unter Pultchef Hans-Christoph Rademann Händels „Messias“ in der Bad Uracher Amanduskirche auf. © Foto: eckstein
Von Susanne Eckstein 08.10.2018

Wie im Vorjahr, als die Gaechinger Cantorey die Herbstlichen Musiktage Bad Urach mit einem Kantatenkonzert bereicherte, darf man auch diesen Auftritt mit Händels „Messias“ in Superlativen rühmen. Der nunmehrige Leiter der Internationalen Bach-Akademie Stuttgart Hans-Christoph Rademann hat die von Helmuth Rilling gegründete und zum Erfolg geführte Gächinger Kantorei Stuttgart mitsamt dem seinerzeit getrennt agierenden Bach-Collegium Stuttgart im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis runderneuert und zu einem erstklassigen internationalen Solistenensemble umgestaltet.

Dies zahlt sich in nahezu perfekten Aufführungen aus: Abgesehen vom Fehlstart einer Violine und minimalen Abweichungen in der Koordination wurde durchweg mit hoher Präzision, in hellwachem Zusammenspiel und leidenschaftlicher Intensität musiziert beziehungsweise gesungen. Wenn Hans-Christoph Rademann mit lebhaft ausgreifender, manchmal quasi zustechender Gestik die Musiker anzufeuern schien, wirkte das angesichts des engagierten Spiels der Vollprofis überflüssig.

Die Besetzung von Chor und Orchester, unter anderem mit historischen Trompeten, passte sich vorzüglich der Raumakustik der Stiftskirche St. Amandus an; auch die Solisten ließen keine Wünsche offen: Robin Johannsen (Sopran), Marie Henriette Reinhold (Alt), Robin Tritschler (Tenor) und Markus Eiche (Bass) sangen ihre Soloparts in lupenreiner vokaler Schönheit und – wie die Instrumentalisten – teilweise mit barocken Auszierungen. Auch die Verwendung des englischen Textes stand im Dienst des Originals.

Besondere Aufmerksamkeit wurde den typisch barocken, manchmal etwas oberflächlichen Textausdeutungen zuteil. Schwer trug das Lamm an den lastenden Sünden, wilde Schläge trafen den Gottessohn, Schmerz und Qual wurden von Händel und den Mitwirkenden plastisch ausgemalt, Tod und Auferstehung scharf kontrastiert, wild tobten die Völker.

Ein paar Abschnitte waren unauffällig weggekürzt; nur wer mitlas, bekam dies mit. Der Fluss der Musik wurde gegliedert durch die Chornummern, die mit ihrem Jubel auf das berühmte „Halleluja“ hinzuführen schienen. So stach diese populäre Nummer nicht als Solitär heraus, sondern war – ruhig angegangen – ins zweieinhalbstündige Geschehen integriert.

Man erlebte hier eine hochkarätige historische Luxusausgabe des „Messias“, wie man sie vermutlich besser nicht zustande bringt.

Doch was kann danach noch kommen? Ist mit einer solchen Aufführung das Ende der Fahnenstange erreicht? Anders als im Sport, wo die Rekorde nur schwer getoppt werden können, kann man sich im Kulturbereich glücklicherweise Neues einfallen lassen. Gerade die diesjährigen Herbstlichen Musiktage haben gezeigt, wie das gehen kann: Auch vermeintlich altbekannte Werke lassen sich neu und anders hören, wenn man sie klug ausgewählten Neukompositionen gegenüberstellt, sie rekomponieren lässt oder mit anderen Elementen (Text, Bewegung, Ton) kombiniert, so wie im Fall von Brahms’ kreativ bewegter dritter Sinfonie oder dem „Forellenteich“ frei nach Schubert.

So gesehen waren diese Herbstlichen Musiktage nicht nur „klangerfühlt“, sondern auch ein wichtiger Schritt in die innovative Richtung.

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