Bad Urach Gemeinsam ab ins Beet

Packten gemeinsam an: geistig Beeinträchtigte und junge Azubis.
Packten gemeinsam an: geistig Beeinträchtigte und junge Azubis. © Foto: Simon Wagner
Bad Urach / Simon Wagner 30.06.2018

Es tut sich was in den Bad Uracher Mauergärten. In der Grünanlage, unweit des Seniorenzentrums Herzog Christoph gelegen, herrscht seit zwei Wochen emsiges Treiben. Angeleitet von Timm Bäumer, Heilerziehungspfleger und Teamleiter für ambulante Dienste der Bruderhaus-Diakonie, spuckten  eine handvoll Klienten, zusammen mit drei Auszubildenden des Reutlinger Unternehmens Wafios,  kräftig in die Hände und haben eine Gartenparzelle wieder auf Vordermann gebracht. Zuvor verwildert, legten sie zunächst die Heckenschere und die Axt an, bevor sie mit vereinten Kräften eine steinerne Terrasse anlegten und sich anschließend an den Aufbau einer neuen Holzhütte machten, die die zuvor etwas windschief gewordene ersetzt.

Für die geistig beeinträchtigten Klienten, die allesamt in eigenen Wohnungen leben, ist ein Platz entstanden, der ihnen eine Alternative zu ihren balkon- und gartenfreien Unterkünften bietet. „Wir wollten einen Ort haben, wo wir hingehen können und draußen sind“, fasst Bäumer die Idee hinter dem Gemeinschaftsprojekt zusammen. Eine Idee, mit der er bereits mehrere Monate schwanger ging. Als es immer konkreter wurde, sprang ihm der Kommissar Zufall zur Seite und von Seiten der Bruderhaus-Diakonie erinnerte man sich an eine Parzelle, die ohnehin im Besitz der Einrichtung war. Bewirtschaftet wurde sie von einem Pächter, der die Pflege des Grundstücks aus Gesundheitsgründen einstellen musste.

Mit voller Tatkraft wird dies nun die neue Gartenmannschaft übernehmen. Neben einer Terrasse, der Hütte und einem Rasenstück, werden kleine Beete angelegt, die von den jeweiligen Eignern nach Lust und Laune bepflanzt werden dürfen. Ob Blumen, Gemüse, Sträucher oder Beeren: Alles ist erlaubt, was gefällt und schmeckt. Neun Hobbygärtner haben sich schon ein Beet gesichert, um das sie sich künftig eigenverantwortlich kümmern werden.

Im Rahmen des Ausbildungsprojekts „Get Together“ haben dies auch die 17-jährigen Auszubildenden der Firma Wafios, Felix Mayer aus Ohmenhausen, Moritz Bayer aus Pliezhausen und der Wannweiler Justin Höckh, möglich gemacht. Zwei Wochen lang haben sie ihr handwerkliches Geschick beigesteuert und gar nicht mal so nebenbei, auch Einblicke in andere Lebenswelten erhalten, die sie auf ihrem weiteren Lebensweg mitnehmen werden. Von ihrem Arbeitgeber freigestellt, haben sie sich bewusst für das Gemeinschaftsprojekt in Bad Urach entschieden und es nicht bereut: „Wir haben uns von Anfang an gut verstanden“, sagen sie über das entstandene Wir-Gefühl. Unter ihren Azubi-Kollegen derweil haben sie mittlerweile den Spitznamen „Landschaftsmechaniker“ weg, lachen sie.

Komplett fertig ist das Gartengrundstück auch nach dem Ende der größeren Arbeiten noch nicht. Soll es auch gar nicht. Bäumer will, dass es sich immer weiterentwickelt, ohne aber große Vorgaben zu machen. Vorgaben beziehungsweise Regeln gibt es indes bei der Nutzung des Grundstücks. Die allerdings werden gemeinschaftlich ausgehandelt. Angekommen in der Gartenkolonie haben die neuen Parzellenbesitzer schon erste Kontakte zu ihren Nachbarn geknüpft. Nach anfänglichen Berührungsängsten, haben sich mittlerweile intensivere Kontakte ergeben. Für Bäumer auch ein Stück gelebter Inklusion.

Inklusion, die am Ende sogar schmeckt. Zum heutigen Abschluss wird auf dem Grundstück gegrillt. Als Nachtisch gibt es vielleicht sogar Johannisbeerkuchen. Mit Früchten aus dem eigenen Garten.

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Azubis der Firma Wafios haben mit Klienten der Bruderhaus-Diakonie in den vergangenen zwei Wochen eine Gartenparzelle in den Mauergärten umgestaltet.

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