Bad Urach Frau Staatssekretärin: Auf ein Wort

Zu Besuch im Krankenzimmer der geriatrischen Abteilung in der Ermstalklinik: Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann (v.l.), Staatssekretärin Ulrike Flach, Landrat Thomas Reumann, Bundestagsabgeordneter Pascal Kober und Dr. Klaus Wild, Leiter der Altersmedizin. Foto: Thomas Kiehl
Zu Besuch im Krankenzimmer der geriatrischen Abteilung in der Ermstalklinik: Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann (v.l.), Staatssekretärin Ulrike Flach, Landrat Thomas Reumann, Bundestagsabgeordneter Pascal Kober und Dr. Klaus Wild, Leiter der Altersmedizin. Foto: Thomas Kiehl
PETER KIEDAISCH 05.04.2012
Ein Jahr nach Eröffnung der geriatrischen Abteilung in der Ermstalklinik erweist sich die Altersmedizin als Erfolg für den Kreis. Davon hat sich gestern auch eine Delegation der Bundesregierung überzeugt.

Dass die Altersabteilung der Ermstalklinik eine Vorzeigeeinrichtung für den Landkreis ist, belegen die Patientenzahlen aus dem vergangenen ersten Jahr (450 ab April) ebenso eindeutig wie die Statistiken, die ihren Fokus in die Zukunft richten: Die Gesellschaft wird älter, die Kosten für die Gesundheit belasten die Allgemeinheit. Insofern sucht die Politik Wege, diesem Dilemma nicht irgendwann hilflos ausgesetzt sein zu müssen. Die Altersmedizin ist ein Aspekt dieser neuen Haltung im Gesundheitswesen, indem sie sich erstens demographischen Herausforderungen stellt und zweitens Kosten spart, denn diese Leistungen müssen dadurch an den beiden anderen Standorten der Kreiskliniken, in Reutlingen und Münsingen, nicht mehr vorgehalten werden. Davon konnte sich gestern die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Gesundheit, Ulrike Flach, überzeugen. Zusammen mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Reutlingen, Pascal Kober, hat sie die Ermstalklinik besucht, wo ihr Landrat Thomas Reumann sowie die Geschäftsführerin der Kreiskliniken Reutlingen, Dr. Rafaela Korte, die Altersmedizin-Abteilung zeigten. Rafaela Korte sprach von einem "schönen Erfolg". Fürs laufende Jahr rechnet sie mit 740 Patienten, und das bei einer überschaubaren 42-Betten-Abteilung.

Thomas Reumann, außer, dass er Landrat ist im, wie er nicht müde wird zu betonen, "schönsten Landkreis im Land", gilt seinerseits als Gesundheitsexperte. Er ist Vorsitzender der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft, zudem hat er mit der von ihm ins Leben gerufenen kommunalen Gesundheitskonferenz eine Art runder Tisch geschaffen. Vertreter unterschiedlichster Bereiche (Medizin, Kassen, Kommunalpolitik, Kassenärztliche Vereinigung und andere mehr) versuchen, drohenden Engpässen in der medizinischen Versorgung entgegenzuwirken. Auch darüber hat der Landrat die Delegation gestern informiert. Die Zahlen, die Landrat Reumann präsentierte, dürfte der Staatssekretärin bekannt sein: 30 Prozent der Hausärzte im Kreis sind 60 Jahre alt oder älter. Das sieht in anderen Landstrichen ähnlich aus. Und: Im Jahr 2008 haben 51 Millionen Mitglieder der Krankenkassen 160 Milliarden Euro aufbringen müssen: "Wenn nichts passiert", so Reumann, werden im Jahr 2060 nur noch 40 Millionen versicherte 308 Milliarden Euro zu finanzieren haben. Deswegen fordert der Landrat einen Strategiewechsel. In der Pflicht sei auch die Bundesregierung. Die, darauf hat Staatssekretärin Flach hingewiesen, habe mit dem Versorgungsstrukturgesetz bereits ein Instrument geschaffen, um dem entgegenzuwirken. "Damit haben wir Kommunen in die Lage versetzt, eigene Formen der ärztlichen Versorgung zu entwickeln." Das ist gut, lobte Landrat Reumann. "Haken dran, Komma, aber es kann nicht sein, dass die Kassenärztliche Vereinigung sagt: Bürgermeister, bring 400 000 Euro", wenn es etwa darum geht, ein Ärztehaus einzurichten. "Es wird also eine Frage der Finanzierbarkeit sein. Auch der Landkreis kann das nicht leisten", geschweige denn einzelne Kommunen. Denn das Geld wird knapp. Vor allem in den Krankenhäusern. Alle Häuser im Land werden zwei Mal pro Jahr befragt, dabei habe sich ergeben, dass 60 Prozent keinen Gewinn mehr erwirtschaften. Erschreckend, so Reumann, sei, dass auch "die großen Schlachtschiffe", die Häuser mit 600 Betten oder mehr, in die roten Zahlen gerieten. Obwohl im Land 6000 Betten abgebaut wurden. Aber: Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Patienten um 200 000. Da stelle sich die Frage, woher dieser Mengenzuwachs komme, so Staatssekretärin Flach. Für Reumann stellt sich eine andere Frage: "Auf wen werden die Probleme der älter werdenden Gesellschaft abgeladen?" In Sachen zunehmender finanzieller Belastungen, im Fachjargon auch "Unterfinanzierung der Krankenhäuser" genannt, gingen gestern die Meinungen von Landrat Reumann und dem stellvertretenden Geschäftsführer der AOK Neckar-Alb, Klaus Knoll, auseinander. Knoll warf den Häusern vor, Kosten für Investitionen aus dem von den Kassen finanzierten Etat für die laufenden Betriebskosten abzuzwacken: "Beweisen kann ich es nicht, aber ich habe entsprechende Infos." Reumann widersprach: "So ist es nicht. Wie soll das auch geschehen?"