Bad Urach Flexibilität in allen Lebenslagen

Die elfjährige Anna-Maria ist bereits hochdekoriert, sie hat sich aber noch höhere Ziele gesteckt.
Die elfjährige Anna-Maria ist bereits hochdekoriert, sie hat sich aber noch höhere Ziele gesteckt. © Foto: Nicole Wieden
Bad Urach / Nicole Wieden 24.07.2018

Mit ihrer Gerätetechnik ist Anna-Maria Shatokhin soweit ganz zufrieden, genügend Kraft hat sie auch. Anatomisch gesehen gäbe es aber Mädchen, die seien geeigneter für die rhythmische Gymnastik, weil sie noch dehnbarer sind. Wenn die elfjährige Schülerin des Graf-Eberhard Gymnasiums dann weiter erzählt, wie sie momentan an ihrem negativen Spagat arbeitet – also wenn die Beine im Sprung nicht nur eine horizontale Linie bilden, sondern noch weiter in die Höhe ragen – dann fragt man sich, wie dehnbar andere Mädchen noch sein können.

Aufgrund ihrer sportlichen Leistungen bei landes- und bundesweiten Wettbewerben hat Anna-Maria im Februar eine Einladung des Deutschen Turnerbundes erhalten: Nachdem sie 2017 Württembergische Meisterin im Einzel geworden ist und im Bundesfinale desselben Jahres den siebten Rang erreicht hat, gelingt ihr 2018 der Sprung auf den fünften Platz. Im Talentkader des Turnerbundes trainiert sie nun unter den zwanzig besten Gymnasiastinnen der Jahrgänge 2006 und 2007.

Zufällig entdecktes Talent

Dass ihre Begabung überhaupt entdeckt wurde, verdankt Anna-Maria einer Kniefehlstellung: „Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich Sport machen soll, weil ich von Geburt an X-Beine habe“, erklärt sie. „Deswegen habe ich mit fünf in einer Tanzgruppe angefangen.“

Nachdem im Dialog-Verein Reutlingen deutlich wird, wie viel Potential in ihr steckt, folgt der Wechsel zur TSG Tübingen und zum TSV Schmiden, dem Leist­ungszentrum des Schwäbischen Turnerbundes. In Tübingen wird sie gemeinsam mit zwei weiteren Mädchen individuell gefördert.

Das bedeutet für die Schülerin konkret sechs Mal vier Stunden Training in der Woche. Zusätzlich eingeplant werden müssen die Wettkampftermine am Wochenende. Bislang ist ihr die Koordination zwischen Hobby und Schule gut gelungen: „Nur dienstags, mittwochs und donnerstags verspäte ich mich wegen der Mittagsschule zum Training.“ Das werde von ihren Trainerinnen nicht so gerne gesehen, aber man verstehe, dass sie sich auch um ihre schulische Bildung kümmern muss.

Wenn Mutter Irina sie also nach der Schule direkt zum Training nach Tübingen fährt, nutzt Anna-Maria die Zeit im Auto, um zu essen und zu lernen. Die Hausaufgaben erledigt sie abends. Falls sie dann noch genügend Muse hat, liest sie zum Vergnügen. Das könne man übrigens auch gut im Spagat. Doch je anspruchsvoller der Schulunterricht wird, desto schwieriger lässt sich beides unter einen Hut bringen, wie ihre Mutter bemerkt. Das Training zurückschrauben komme für Anna allerdings nicht in Frage.

Angespornt durch ihre bisherigen Erfolge, denkt die Elfjährige in höchsten Maßstäben: Der Traum lautet, eines Tages in der Nationalmannschaft anzutreten. Bis zum frühestmöglichen Eintrittsalter bleiben ihr noch fünf Jahre, in denen sich ihre sportliche Zukunft abzeichnen wird. Zukünftige Herausforderungen, etwa ihre schmale Figur auch in der Pubertät zu halten, spielen bislang noch keine Rolle. Stattdessen konzentriert sich das Mädchen auf ihre sportlichen Fähigkeiten.

So hat der Deutsche Turnerbund bereits bekannt gegeben, dass im Bundesfinale 2019 die Gymnasiastinnen mit Seil, Keule, Band und ohne Gerätschaft auftreten werden. Anna-Maria kann sich also jetzt schon entsprechend vorbereiten. „Bei den Wettkämpfen gibt es mehrere Kampfrichter, weil die Bewertung immer subjektiv ist“, erklärt Annas Vater Sergej Shatokhin, der vor 30 Jahren aus dem ukrainischen Donezk für seine Promotion nach Magdeburg gekommen ist. „Schon Kleinigkeiten führen zu Punktabzug.“

Glücklicherweise scheint Anna-Maria allerdings einen Hang zum Perfektionismus zu pflegen. Trotz ihres Engagements in der rhythmischen Sportgymnastik zählt sie mit Sport, Mathe, Französisch, Englisch und Musik gleich fünf Lieblingsfächer auf. Außerdem hat sie in ihrer durchgetakteten Woche noch etwas Zeit für das Klavier übrig. Das spiele sie auch schon ganz ordentlich, wie ihr Vater bemerkt.

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Stunden in der Woche trainiert Anna-Maria Shatokhin mindestens. Ihr Traum ist es, als Turnerin für die deutsche Nationalmannschaft an Wettkämpfen teilzunehmen.

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