Bad Urach Farbige Seelen-Harmonie

Der Chamber Choir of Europe unter seinem Dirigenten Nicol Matt gilt als einer der besten Chöre unserer Zeit.
Der Chamber Choir of Europe unter seinem Dirigenten Nicol Matt gilt als einer der besten Chöre unserer Zeit. © Foto: Susanne Eckstein
Bad Urach / Von Susanne Eckstein 04.10.2018

Im Mittelpunkt der Herbstlichen Musiktage Bad Urach steht traditionell die menschliche Stimme. Neukompositionen stehen wohl deshalb eher selten auf dem Programm, weil es einfacher ist, komplexe Notate auf Instrumenten als mittels Singstimme auszuführen. Doch es gibt Komponisten, die sich der Bedürfnisse der Singenden annehmen: So Morten Lauridsen, einer der gefragtesten und meist aufgeführten Chorkomponisten der Gegenwart; manche bezeichnen seine Stücke als „Seelenlieder“.

Ihm war der größte Teil des langen Konzertabends am Dienstag gewidmet, der Komponist höchstselbst war zum Konzert in die Dürnitz des Residenzschlosses gekommen. Aus seiner Feder stammten die meisten der aufgeführten Werke, er begleitet derzeit als Pianist – und inspirierender Geist – den Chamber Choir of Europe auf dessen Konzert- und Workshop-Tournee mit Musik von Morten Lauridsen.

Der Chor besteht aus Solisten aus ganz Europa und der Welt, geleitet wird er von dem bekannten Dirigenten Nicol Matt. Wie seelenversandt Lauridsen den Romantikern ist, konnte man in der Gegenüberstellung mit Liedern von Franz Schubert (dem HMT-„Hausgott“) spüren. Dem rahmenden „O magnum mysterium“ von Lauridsen folgte zunächst eine Liedreihe, von Festivalleiter Florian Prey sensibel wort-getaltend dargeboten, einfühlsam begleitet von Birgitta Eila. Nuancen und Stimmungen kamen fesselnd zur Geltung, die Verbindung von Poesie und Klang gelang perfekt.

Eher opernhaft interpretierte die Sopranistin Brigitte Geller (mit Tommaso Lepore als Einspringer am Flügel) ihre Schubert-Lieder: Bei ihr steht der strahlend vibrierende Stimmklang im Vordergrund; Atmosphärisches kam damit ein wenig zu kurz. Die ersten zwei Blöcke beschloss je ein Duett, einmal Schubert, einmal Lauridsen.

Einen starken Eindruck hinterließen die Kompositionen von Morten Lauridsen, zunächst Sololieder, gesungen von Florian Prey und Brigitte Geller, danach Chorwerke in der Interpretation des Chamber Choir of Europe mit dem Komponisten am Klavier. Schon die Auswahl der vertonten Texte beweist einen hohen Anspruch: Lyrik in englischer, französischer, spanischer und italienischer Sprache, von Howard Moss, Rainer Maria Rilke und Pablo Neruda. Der Musikstil reicht von sprunghafter Expressivität in den Sololiedern bis zu harmonischem Fluss in den Chorwerken; die Handschrift von Lauridsen zeigt sich in einer persönlichen, farbigen und mitunter auch rauen Harmonik.

Gerade die kommt in dem lupenrein ausgewogenen, ja beinahe vollkommenen Gesang der bestens geschulten jungen Chorstimmen ausdrucksvoll zum Tragen, geschärft in harter Deklamation, aufgefächert in vielstimmiger Fülle, inspiriert durch Nicol Matts klares Dirigat. Man merkte es den Singenden an, dass jede/r mit vollem Herzen dabei war, getragen von Lauridsens Seelen-Musik: zuletzt in der Chorfassung von „Dirait-on“, „Ya eres mia“ und dem verinnerlichten Hymnus „O Magnum Mysterium“.

Erwähnenswert ist noch die besondere Atmosphäre in der Dürnitz: Zuhörer und Mitwirkende begegneten sich auf Augenhöhe, das Publikum ließ sich direkt ins künstlerische Geschehen hineinziehen, und keiner in den voll besetzten Reihen kam auf die Idee, dazwischen zu klatschen. Am Ende um so mehr – der Komponist selbst schloss sich dem Beifall an.

Heute bei den Herbstlichen Musiktagen

Die Herbstlichen Musiktage bieten heute: Gefühlte Heimat, klangbezogen – Liederabend mit Vesselina Kasarova. Unter anderem mit einem Sololied von Hector Berlioz (1803-1869): Les nuits d’eté (Die Sommernächte) op.7. Beginn des Konzertes ist um 19.30 Uhr in der Festhalle Bad Urach.

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