Bad Urach Erbsen auf drei Uhr

Jürgen Viesel erzählt aus seinem Alltag als Blinder. Foto: Larissa Abbenzeller
Jürgen Viesel erzählt aus seinem Alltag als Blinder. Foto: Larissa Abbenzeller
LARISSA ABBENZELLER 10.11.2012
Beim Kindertreff des Christusbundes in Bad Urach bekamen die Kinder Besuch von Jürgen Viesel und seinem Blindenhund Lara. Viesel gab den Kindern interessante Einblicke in seinen Alltag als Blinder.

In dieser Woche hatte sich Conny Schäfer für die Kinder ihres Kindertreffs etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Wie gewohnt wurde gemeinsam mit den Kindern eine biblische Geschichte besprochen. Die Geschichte des blinden Bettlers Barthimäus. Tag für Tag saß er am Straßenrand und konnte sich durch nichts von seiner üblen Lage ablenken, da er ja in ständiger Dunkelheit lebte. Doch als Jesus ausgerechnet durch seine Straße kam, nutzte Barthimäus die Chance seines Lebens und rief nach ihm. Auf Jesu Frage "Was willst du denn?" antwortete Barthimäus: "Ich möchte sehen können!" Dann geschah das Wunder, und Jesus schenkte ihm das Augenlicht.

Um sich besser in den blinden Barthimäus einfühlen zu können, machte Conny Schäfer ein Experiment mit den Kindern: Sie verband ihnen die Augen und setzte sie an einen gedeckten Tisch. Schnell merkten die Kinder "das ist gar nicht so einfach". Wie schafft es ein Blinder zu essen, ohne sich von oben bis unten zu bekleckern? Wie findet er sein Fleisch auf dem Teller? Wie schenkt er sich ein Glas Wasser ein, ohne den Tisch zu fluten? Um den Kindern all diese Fragen zu beantworten, hatte Conny Schäfer Jürgen Viesel eingeladen, der mit neun Jahren sein Augenlicht bei einem Autounfall verlor und heute seinen Alltag in Dunkelheit bestreiten muss.

Hilfe bekommt er dabei nicht nur von seiner Partnerin Gina, sondern auch von seiner gut ausgebildeten Blindenhündin Lara, auf die sich die Kinder natürlich besonders gefreut hatten. Begeistert erzählte er den Kindern, wie seine Lara ausgebildet wurde. Als sie erst zwölf Wochen alt war, wurde schon ein Führhundtest mit ihr gemacht, bei dem geprüft wurde, ob sie sich überhaupt für solch eine Ausbildung eignet. Ein gutes Jahr verbrachte Lara dann in einer Patenfamilie, bevor sie zurück zur Führschule kam. Dort arbeitete ein Hundetrainer ein Jahr lang mehrere hundert Stunden intensiv mit ihr, damit sie einen Blinden sicher durch seinen Alltag führen kann. Als Jürgen Viesel und Lara dann zusammentrafen, hat die Chemie gleich gestimmt "Wir haben uns gesucht und gefunden." Da war die "Gespannprüfung" ein Kinderspiel. Während dieser zweiwöchigen Testphase wurde genau geprüft, ob Hund und blinder Mensch wirklich harmonieren, sowohl von der Größe als auch von der Laufgeschwindigkeit musste es passen. Vor allem wichtig war natürlich: Vertrauen sich die beiden? Kann man die beiden bedenkenlos alleine auf die Straße lassen? Bei Jürgen und seiner Lara war das kein Problem.

"Aber wie ist das jetzt mit dem Essen und Trinken?" wollten die Kinder doch unbedingt wissen. "Wenn ich mir Wasser einschenke, halte ich einfach den Finger ins Glas, dann merk ich schon, wenns voll ist", erklärt Viesel. Beim Essen stellt sich Jürgen seinen Teller vor wie eine Uhr: Der Kartoffelbrei liegt auf neun Uhr, das Fleisch auf sechs Uhr. Wenn Jürgen Viesel denkt, sein Teller wäre schon leer, hört er oft von Partnerin Gina: "Jürgen, da sind noch Erbsen auf drei Uhr!"

Neben Partnerin und Blindenhund gibt es heute zum Glück schon viele Hilfsmittel, die den Alltag eines Blinden erleichtern. Jürgen Viesel erzählt von einem Blindenstock, der per Laser die Umgebung des Blinden abtastet und dann ein Warnsignal abgibt, sobald ein Hindernis auftaucht.

An seinem Arbeitsplatz hat er einen PC, der ihm vorliest, was auf dem Bildschirm zu sehen ist und ihn beim Steuern der Maus navigiert. Doch obwohl sich Jürgen mittlerweile wunderbar in seinem Alltag zurechtfindet und eigentlich auch nicht mehr mit seiner Blindheit hadert, würde er doch auf die Frage "Was willst du?", genau wie der blinde Bettler Barthimäus, sofort antworten. "Ich will sehen können!"