Im Rahmen der Sonntagsmatinee in der Wilhelm-Zimmermann-Gedenkstätte in Dettingen sind der Intendant der Württembergischen Landesbühne (WLB) Friedrich Schirmer und die Schauspielerin Sabine Christiane Dotzer zu Gast gewesen. Diese Matinee war den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewidmet. In einfühlsamer Weise gaben die Theaterleute Informationen über das Schicksal von Anne Frank (1929 Frankfurt bis 1945 KZ Bergen-Belsen) und über die WLB-Inszenierung („Das Tagebuch der Anne Frank“), die auch im Programm des Veranstaltungsrings Metzingen in der Stadthalle gezeigt wurde. Schirmer referierte in der Dettinger Gedenkstätte Auszüge aus dem berühmten Tagebuch und Dotzer, Darstellerin der Helferin Miep Gies, las aus dem Erinnerungsband „Meine Zeit mit Anne Frank“.

Über ein „volles Haus“ freute sich indessen Günter Randecker, der zu Beginn darauf hinwies, dass Anne Frank – als junge intelligente Verfasserin einer Hinterhaus-Chronologie und von Erzählungen – damals in einer ähnlichen, aber weit unsicheren Lage war als die Freunde Eduard Mörike und Wilhelm Zimmermann, hundert Jahre zuvor. Mörike wählte, nach dem misslungenen Plan, einen Redakteursposten zu erhalten, die Dachstube eines schwäbischen Pfarrhauses als den „günstigsten Ort“ für sein dichterisches Schaffen. Und Zimmermann schrieb im zweiten Stock unterm Dach des Dettinger Pfarrhauses seinen „Bauernkriegs“­-Klassiker.

Anne Frank im Fokus

Zunächst entzündete Sabine Christiane Dotzer eine Kerze und die Anwesenden machten es ihr nach und sorgten dafür, dass an der siebenarmigen Menora alle Kerzen leuchteten. Die hundert Jahre alt gewordene Zeitzeugin Miep Gies informierte die Schauspielerin, hatte in der Zeit von Juli 1942 bis 4. August 1944, bis zum Verrat, einen direkten Bezug zu den in Amsterdam Verborgenen und versorgte sie mit Nahrung und Büchern. Für Annes Bücherregal wurden immer neue Wünsche erfüllt: Aus einer Leihbücherei für ein paar Cent wurde ein ganzer Stapel entliehen. Miep Gies, die im Büro der Otto-Frank-Firma „Opekta“ arbeitete, brachte das Lesefutter samstags hinauf ins Hinterhaus-Versteck in der Prinsengracht und nahm die ausgelesenen Bücher wieder mit. Anne Frank lernte und las unentwegt. Ihre Mutter verteidigte sie auf Deutsch: „Unsere Tochter schreibt, Miep, das wissen Sie ja.“ Und Anne Frank ergänzte: „Allerdings, und ich schreibe auch über dich.“ Ihr auf Holländisch mit deutschen Einsprengseln verfasstes Tagebuch war ihr zum Lebensinhalt geworden. Die 33-jährige Miep Gies fühlte sich der 13-jährigen Anne Frank, „die beim Übergang in einen wichtigen Lebensabschnitt diesen trostlosen Zeiten ausgeliefert war, auf besondere Weise schwesterlich verbunden.“

Von „wohnlicher Atmosphäre“ berichtete die Helferin, samt „alter, vertrauter Kaffeekanne und herumliegenden Schulbüchern“. Anne Frank hatte die Wand mit Fotos ihrer Filmlieblinge tapeziert. Friedrich Schirmer zitierte aus der Frankschen Bibliothek, darunter Klassiker und weniger bekannte Dramatiker, unter anderem „Klärchens Lied“ aus Goethes „Egmont“, laut Marcel Reich-Ranicki das „schönste, das vollkommenste erotische Gedicht in deutscher Sprache“. Auch Anne Franks Erkenntnis vom 3. Mai 1944 wurde vorgetragen: „Warum gibt man jeden Tag Millionen für den Krieg aus und keinen Cent für die Heilkunde, für die Künstler, für die Armen? Warum sind die Menschen so verrückt?“

Engagiert beantworteten beide Schauspielprofis auch die Fragen aus dem Publikum. So verdeutlichte der Intendant der Württembergischen Landesbühne, dass im Theater „alle menschlichen Geschichten gespeichert“, seien. Eine Geschichte werde aus der Vergangenheit in die theatralische Gegenwart geholt. Und, so betont er: „Theater kann heilend wirken.“

Günter Randecker dankte den beiden Referenten, Sabine Christiane Dotzer und Friedrich Schirmer, und überreichte ihnen ein Buchgeschenk, die von ihm herausgegebenen „Briefe aus dem KZ“ von Gertrud Lutz-Schlotterbeck und die CD „Wilhelm Zimmrmanns Dettinger Liedergarten“. Die Gedenkveranstaltung in der Wilhelm-Zimmermann-Gedenkstätte wurde musikalisch umrahmt von Wolfgang Rund mit einem Lied aus der „Mauthausen-Kantate“.

Einmal im Monat geöffnet


Die Wilhelm-Zimmermann-Gedenkstätte in Dettingen ist jeden ersten Sonntag im Monat geöffnet, und zwar von 10.45 bis 11.45 Uhr. Sie wurde am 17. November 1984 eröffnet.