Am Ende also hielt es. Das Wetter am Sonntag machte vielen Besuchern des Uracher Schäferlaufs Sorgen. Regenschirme waren stets griffbereit, bange Blicke richteten sich immer wieder auf die grauen Wolkenpakete. Sie tummelten sich den ganzen Tag über den Dächern und Straßen Bad Urachs. Der Cheforganisator des Uracher Schäferlaufs, Eberhard Knauer, aber sollte Recht behalten, als er morgens auf fragende Blicke hin beruhigte: „Des hebt.“ Und tatsächlich behielten die Wolken größtenteils ihre nassen Frachten bei sich und so wandten sich die zehntausenden Augenpaare, die die Strecke des großen Festzugs am Vormittag säumten, beruhigt wieder dem bunten Treiben auf den Straßen der Grafenstadt zu.

Mitreißendes Defilee

Und was sie dort zu sehen bekamen, glich einem regelrechten Rausch aus Farben, Trachten und Gruppen – und aus den immer wiederkehrenden Melodien. Die Besucher ließen sich faszinieren und mitreißen vom Defilee der 82 Gruppen, der 2200 Umzugsteilnehmer und der über 40 Wagen und Gespanne. Und immer wieder hörten sie die beiden Nationalhymnen des traditionsreichen Fests, den Martha- und den Egerländer Fuhrmannsmarsch.

Mit eben jenem Fuhrmannsmarsch startete man auf dem Bad Uracher Marktplatz imposant in den Tag. Nach der Tagwache des Musikvereins Upfingen und den Böllerschüssen vom Hanner-Felsen, positionierten sich nach der Ankunft des kleinen Festzugs  rund 750 Musiker aus 22 Musikgruppen auf dem Platz, um die schmissige Weise unter dem Dirigat von Simone Bendig anzustimmen. Ein klanggewaltiges Orchester, dessen Sound und Anblick wohl nicht nur Bürgermeister Elmar Rebmann den einen  oder anderen Gänsehautschauer eingejagt und einen Ohrwurm für den Rest des Tages eingesetzt haben dürfte. Gespitzte Münder, wippende Hüften und der vielstimmige Chor der Besucher sorgte jedenfalls für einen Auftakt nach Maß. „Der Schwabe“, so richtete Rebmann seine Begrüßungsworte an die frühen Besucher, sei ja einer, der seine Freude eher bei sich behalte. Doch wie so vieles wandelt sich auch dies an Uracher Schäferlauftagen.

Beifall für den Metzgertanz

Gefeiert wurden der Metzger- und Bechertanz der Kreisreiter um ihren Vorreiter Wilfried Schneider, Beifall gab es für den Schultes, als er zusammen mit dem Metzgermädchen seiner Wahl, Franziska Weber, den Bürgermeisterwalzer aufs Parkett legte. Zuvor entließ er die Schäferfahne und die Zunftlade aus der Obhut der Stadt und übergab sie an die Schäfer. So will es das überlieferte Festprotokoll. Zeugen wurden Vertreter aus Politik und Gesellschaft, die als Ehrengäste geladen waren. Unter anderem besuchte, wie in den Schäferlaufjahren zuvor, der Bundesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, Cem Özdemir, seine Heimatstadt. Später sollte auch noch Landwirtschaftsminister Peter Hauck (CDU) zur illustren Festgesellschaft stoßen. Just als sie die Bühne verließen, wurden dann allerdings doch Schirme aufgespannt. Wartende Besucher vertrieben sich die Zeit derweil in der Marktplatzgastronomie oder besuchten den ökumenischen Festgottesdienst in der St. Amanduskirche. Und die Andacht scheint gewirkt zu haben. Als sie zu Ende war, hatte sich der Himmel jedenfalls wieder aufgehellt und entlang der Festzugstrecke standen die Besucher inzwischen mehrreihig in froher Erwartung des rund zweistündigen Umzugs. Er kam schließlich nicht nur sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten.

Das Ziel war freilich die Zittelstatt, mit der nicht ganz vollbesetzten Waldtribüne, von der die Zuschauer aus nah und fern weitere Höhepunkte des Heimatfests erlebten. Den Begriff Heimat, so betonte es Rebmann indes, will er nicht verklärt, sondern als ein  Ort interpretiert wissen, an dem Menschen verstehen und verstanden werden.  Heimische Traditionen und Bräuche zu pflegen, gelinge dabei nur, wenn es Menschen gebe, für die Brauchtum keine leeren Worthülsen seien.

Herzlicher Abschied

Neu wird beim kommenden Schäferlauf etwa die Besetzung des Büttels bei der „D’Schäferlies“ sein. Das Festspiel feiert in diesem Jahr übrigens seinen 90. Geburtstag. Viele Jahre dabei, gab Kult-Darsteller Ottmar Todtenhaupt  gewohnt souverän gestern seine letzte Vorstellung. Er wurde mit langem und herzlichen Beifall des Publikums verabschiedet. Farbenfroh aber auch nass ging es beim Bechertanz der Kreisreiter zu. Den Becher am elegantesten von der Schaukel gestoßen hatten, wie vor zwei Jahren auch, die 23-jährige Vanessa Rieck und Jacob Stanger. Wilde Jagdszenen spielten sich anschließend bei den Wasserträgerinnen ab. Sie luden ihre feuchte Fracht auf den Häuptern der Stadträte ab. Den Schultes erwischten sie indes nur, weil zwei seiner Räte die Gunst der Stunde nutzten, ihn auf seiner Flucht stellten und aufhielten, derweil er die Dusche aus Mädchenhand abbekam.

Schreck in der Zittelstatt

Vielleicht war es das verschüttete Wasser auf dem Kunstrasen, vielleicht aber auch die Entscheidung barfuß zu laufen, die für einen kurzen Schreckmoment bei den folgenden Schäferläufen sorgte. Die amtierende Schäferlaufkönigin von Markgröningen und Bad Wildberg, Lisa Link-Wohlfahrt aus Balingen, rutschte in Führung liegend aus und musste kurz behandelt werden. Sie trug aber wohl nur Schürfwunden davon. Den Titel holte sich indes Kathrin Hagenlocher aus Bad Wildberg, gleich bei ihrer ersten Teilnahme in Bad Urach. Wie man den Titel erfolgreich verteidigt, kann sie bei Daniel Erhardt erfragen. Er setzte sich erfolgreich und mit großem Abstand von seiner Konkurrenz ab und erhielt aus den Händen des Ministers, ebenso wie sein königliches Gegenstück, die gut gehütete Schäferlaufkrone. Sie ist sein Eigen, mindestens bis ins Jahr 2019, wenn die schönen, wohlbekannten Weisen wieder durch Bad Urachs Gassen schallen und der Schäferreigen, wie am Sonntag, sehr zum Gefallen der Zuschauer dazu tanzt.