Das Rosengässle, das Haus am Gorisbrunnen, Urach in der Dämmerung, im Mondschein und in dunkler Nacht: Richard Haberlandt hat viele Facetten seiner Wahlheimat auf Papier oder Leinwand festgehalten. Von 1937 bis zu seinem Tod 1963 lebte der Maler und Zeichner im kleinen Städtchen am Fuß der Alb. Das schwäbische Urach wurde ihm zur zweiten Heimat, zum Refugium. In seinem Testament dankte Haberlandt der Stadt "aus vollem Herzen" für die "vielen schönen Jahre, die ich in ihrer Mitte verbringen durfte". Die Worte hat der Neffe des Künstlers, Professor Karlheinz Haberlandt, an den Schluss seiner Biographie über den Onkel gestellt. Zu finden ist sein Aufsatz im gerade eben fertiggestellten Katalog, der als Abschluss jener Ausstellung zu sehen ist, die die Kurstadt Harberlandt in diesem Jahr gewidmet hatte.

Knapp 170 Seiten umfasst das Buch, das dem Leser einen Überblick über das Werk, das Leben und die Bedeutung Haberlandts vermitteln soll, wie Kurator Dr. Bernhard Stumpfhaus bei der Vorstellung des Katalogs ausführte. Das Buch widmet sich in einem ersten Kapitel zunächst der Frühphase von Haberlandts künstlerischem Schaffen. Es folgt die so genannte Geraer Zeit, in der Haberlandt zu den Vertretern der Neuen Sachlichkeit zählte. In Otto Dix und Kurt Günther fand er Freunde.

Im Ersten Weltkrieg durchlebte er alle Schrecken, die ein Soldat im Kampf durchleiden muss. Die Schatten, die sich in jenen Jahren auf seine Seele legten, konnte er nie wieder ganz abschütteln, wovon etliche seiner Werke zeugen. Hilfe suchte er unter anderem im Sanatorium von Dr. Klüpfel im beschaulichen Urach. Als der 1890 in Graz geborene Künstler endgültig ins Schwäbische übersiedelte, nahm er Quartier in der Nachbarschaft des Hotels am Berg. Dort begegnete ihm Anfang der 1950er Jahre erstmals ein Lehrling, der das Gipserhandwerk erlernte. Günther Schwenkel aus Hülben grüßte den Maler immer freundlich mit "Guten Tag Herr Professor". Der vielen Urachern als verschroben geltende Maler erregte die Bewunderung des Lehrlings, heute ist Schwenkel stolz, mehrere Haberlandt-Bilder zu besitzen: "An seiner Kunst erfreue ich mich jeden Tag." Freundschaft fand Haberlandt bei der Uracher Familie Nagelschmidt, deren Familie ihm häufig Modell saß. Mehrere dieser Bilder sind auch im neuen Katalog zu sehen. Tatsächlich, sagt Kurator Stumpfhaus, befinden sich heute die meisten Haberlandt-Werke in privater Hand. Er schätzt deshalb, dass der neu erschienene Katalog maximal ein Viertel jener Werke umfasst, die Haberlandt schuf. Die Bilder und Zeichnungen, die Stumpfhaus für das Druckwerk auswählte, sollen den "künstlerischen Charakter Haberlandts herausarbeiten" und diesen in einen historischen Kontext rücken, ihn in den "Horizont der Kunstgeschichte eingemeinden". Diesem Ziel scheinen die Initiatoren auch mit der Ausstellung der Haberlandt'schen Werke in Urach näher gekommen zu sein, wie Neffe Karlheinz Haberlandt betont. Allein sechs Kunsthistoriker seien in der Schau zu Gast gewesen und hätten sich beeindruckt gezeigt. In der Folge sei im Sommer in Gera eine Werkschau geplant, die Werke von Dix und Haberlandt präsentiert.