Bad Urach Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Erfrischend wie Schampus: Chansons mit Frederic Hollay, Julia von Miller und Anatol Regnier.
Erfrischend wie Schampus: Chansons mit Frederic Hollay, Julia von Miller und Anatol Regnier. © Foto: Musiktage
Christina Hölz 05.10.2018

So viel Lokalkolorit war noch nie bei den Herbstlichen Musiktagen. „Ich bin ein Mädchen aus Bad Urach und liebe Vulkane, die Schwaben und Musik“, singt Julia von Miller – textlich sehr frei nach dem Schlager „Ein Schiff wird kommen“, mit dem Lale Andersen 1960 einen Welthit landete. Die Schluss-Akkorde der Chanson-Matineé in der Schlossmühle kommen so locker-spritzig daher wie das gesamte Konzert: Gut gelaunt, augenzwinkernd und mit Charme swingen sich die Interpreten Anatol Regnier, Julia von Miller und der famos aufspielende Frederic Hollay am Klavier durch den Vormittag.

Lieder und Lyrik zum Thema Liebe verschmelzen bei diesem Trio zu einer leicht bekömmlichen Melange – zu einer vergnüglichen Hommage an das Gefühl der Gefühle. Zwischen Texte von Brecht, Kästner, Goethe oder Fontane streuen die Akteure Chansons, Volkslieder, Walzerseeligkeiten und vor allem Schlager aus dem vergangenen Jahrhundert. Womit wir bereits bei der zweiten Musikherbst-Premiere an diesem Sonntag wären: Dass eine Sängerin Titel wie Connie Francis’ 60er-Jahre-Liedchen „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ oder den Schmachtfetzen „Sag mir, was Du denkst“ (Conny Froboess und Peter Kraus) anstimmt – das hat es bei den Uracher Klassik-Festspielen wohl noch nie gegeben.

Aber die Münchnerin Julia von Miller, auch als Schauspielerin gebucht, kokettiert bei ihren Schlager-Interpretationen mit so viel komödiantischem Talent und der nötigen Prise Ironie, da haben die Zuhörer im ausverkauften Willi-Dettinger-Saal schnell Lust auf mehr. Auch, weil die Dichterworte Laune machen. Kostprobe: „Die Liebe ist ein Zeitvertreib, man nimmt dazu den Unterleib“, rezitiert Anatol Regnier Erich Kästner.

Überhaupt dieser Regnier. Der 73-Jährige ist der Kopf hinter der Lieder-Lyrik-Revue – und ein Sohn berühmter Vorfahren. Sein Großvater war der Dramatiker Frank Wedekind, sein Vater der Schauspieler Charles Regnier.

Wenn Anatol Regnier nicht gerade Bücher schreibt (“Wir Nachgeborenen berühmter Eltern“) lässt er seinen rauchigen, leicht bluesig angehauchten Bass an der Seite Julia von Millers klingen. Zu ihrer wandelbaren Chansonstimme passt das bestens. Ob die beiden nun fast rocken („Ich will keine Schokolade“) oder lasziv schmachten wie einst Marlene Dietrich (Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“). Spaß macht dieses Experiment in jedem Fall.

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