Bad Urach Der Tag, an dem die Freude starb

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Bad Urach / PETER KIEDAISCH 31.07.2014
Es ist längst vergriffen. Die wenigen Exemplare, die es noch gibt, sind vergilbte Sammlerstücke und oftmals zerfleddert: Ein kleines Buch widmet sich der Stadt Urach im Ersten Weltkrieg, und ihren Toten.

Es muss ein herrlicher Tag gewesen sein. An den 1. August vor 100 Jahren, einen Samstag, erinnern sich die Chronisten später als einen „heißen Sommertag“, der den Schülern den Vakanzanfang brachte. Den Beginn der Ferien. Endlich frei, mögen sich die Schulkinder gedacht haben, vermutlich frohlockten sie umso ausgelassener, je jünger sie waren und je weniger die große Politik in ihr Bewusstsein drang.

Die Älteren unter ihnen oder gar die Werktätigen, wussten es besser. Die, wie es in einem Buch beschrieben wird, „nach heißen Arbeitstagen trotz ersehntem Wochenschluss zu keinem frohen Aufatmen mehr fähig waren“. Auf ihnen lasteten Sorgen. In Hangen und Bangen waren die Julitage vergangen, eine Zeitungsmeldung jagte die nächste, „eine Konferenz der Diplomaten und Staatsmänner ersetzte die andere“, erinnert die Chronik. Sie wurde im Sommer 1922 verfasst, also acht Jahre nach diesen schicksalsschweren Ereignissen, die durch den Mord an Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand ausgelöst wurden. Von der vielmals besungenen Euphorie, die die jungen Männer mit vaterländischen Liedern auf den Lippen und der Vorfreude auf ruhmreiche Wochen in Scharen den Freiwilligenregimentern zutrieb, steht in dieser Erinnerung wenig zu lesen. Im Gegenteil überwiegen Moll-Töne: „Gegen Ende des Monats, als jenes Ultimatum Osterreichs an Serbien ergangen war, wurde es zur traurigen Gewissheit: Es kommt Krieg!“

Gleichwohl sprechen die Autoren von einer Art Entladung, „als am Samstag in den Abendstunden die Verkündigung des Kriegszustandes unter Trommelschlag auch in unserer Stadt erfolgte.“

21 Tage später lieferten sich die deutschen und französischen Truppen erbitterte Kämpfe an der französisch-belgischen Grenze. Darunter das Grenadier-Regiment König Karl Nr. 123, „in dem auch eine Anzahl Uracher Söhne Leben und Blut für ihr Vaterland eingesetzt haben“. Auf die Details dieser Schlacht kann das Büchlein „Urach im Weltkrieg“ nicht ausführlich eingehen. Doch die Ereignisse um das viertägige Gemetzel bei Longwy sind gut genug dokumentiert, um etwas Licht in die letzten Stunden des Urachers Max Schödel zu bringen: „. . . rechts rückte die 26. Division unter General von Urach auf Ville Houdlemont vor, die Dörfer Bleid und Baranzy wurden erstürmt und die Linie Grandcourt und Tellancourt erreicht,“ heißt es auf der Wikipedia-Seite „Schlacht bei Longwy“. Bei der Erstürmung des Dorfes Bleid freilich endete das bis dahin 23 Jahre währende Leben des Max Schödel, einem Uhrmachergehilfen. 21 Tag nach Beginn des Ersten Weltkriegs hatte Urach den ersten Gefallenen zu beklagen. Ähnlich, wie es später der Romancier Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ schildert, befassen sich die Chronisten jener Tage nur selten mit Einzelschicksalen. Das Buch über die Uracher im Ersten Weltkrieg etwa schildert den 22. August als Feuertaufe für die 123er, deren Grenadiere „den ganzen Weltkrieg über an der Westfront eigentlich stets im Brennpunkt der schwersten Kämpfe gestanden haben.“ Die Feuertaufe von Longwy habe „den Franzosen die ersten wuchtigen Schläge beigebracht.“ Ob Schödel freilich zu jenen Urachern gehörte, die am ersten Mobilmachungstag, dem 2. August, zur Fahne eilten, um als Kriegsfreiwillige ihrer vermeintlichen Pflicht nachzukommen, ist nicht überliefert. Einberufen wurde er jedenfalls bereits im Oktober 1912, was die Vermutung nahe legt, er gehörte als Wehrpflichleistender zum stehenden Heer.

Gleichwohl reihten sich an den ersten Mobilmachungstag fünf weitere, die die Reserve, die Landwehr und die Ersatzreserve einberiefen: „Jeder Tag führte Landesverteidiger fort aus unserer Stadt.“ Wer jemals in der Zittelstatt den Schäferlauf erlebt hat, kann sich in etwa vorstellen, wie es sich angehört haben muss, als die jungen Männer ihre Taschentücher schwenkend Heimat, Eltern, Frauen und wen und was auch immer zurückgelassen und verlassen haben, oftmals auf Nimmerwiedersehen: Sie sangen, wie heute noch die Schäferlaufbesucher und -akteure in der Zittelstatt „Im schönsten Wiesengrunde“, und auch wenn die Hoffnung mitschwang, mit heiler Haut eines schönen und hoffentlich nicht fernen Tages wieder zurückkehren zu dürfen, so vermochte der Text dieses aus der Feder Wilhelm Ganzhorns stammenden Lieds das Innerste derer, die im Marsch aus Urach gingen, und derer, die ihnen nachblickten, nach außen zu kehren. Es gab Tränen, auch wenn mancher nur still schluckte. „Im schönsten Wiesengrunde/ist meiner Heimat Haus/da zog ich manche Stunde/ins Tal hinaus/Dich mein stilles Tal/grüß ich tausendmal/Da zog ich manche Stunde/ins Tal hinaus“

Freude und Euphorie? Das Büchlein „Urach im Weltkrieg“ berichtet von „Stunden und Augenblicken herben Abschieds.“

Für 188 Uracher sollte sich jedenfalls die letzte Strophe aus „Im schönsten Wiesengrunde“ nicht erfüllen. Da heißt es: „Sterb’ ich, in Tales Grunde/will ich begraben sein/singt mir zur letzten Stunde/beim Abendschein/Dich, mein stilles Tal/grüß ich tausendmal/Singt mir zur letzten Stunde/beim Abendschein“

Nein, es dürfte ein andersgeartetes Singen und Klirren gewesen sein, das sie aus dieser Welt geleitete. Das Pfeifen der Schrapnells, das Gebrüll der von Granaten Zerfetzten, das Zerreißen der Materie und das immerwährende Tack-Tack-Tack-Tack-Tack der Maschinengewehre, deren Läufe vor lauter Gier auf menschliches Leiden zu glühen begannen.

Und nein, diese toten Soldaten aus Urach liegen nicht in ihrer Heimat, in Tales Grund. Irgenwo in Frankreich, zugeschüttet von Artilleriegeschützen, fanden sie ihre letzte Ruhe. Am 31. Oktober 1918, als das Feuer bereits nachließ und ein Ende des Kriegs abzusehen war, befand sich der Hoteldiener Adolf Oechsner im Juwel der Flämischen Ardennen, in der Nähe von Audenarde, wo noch vereinzelt gekämpft wurde. Wenige Tage vor Kriegsende erwischte ihn jene Kugel, vor der er dreieinhalb Jahre verschont wurde, doch noch. Er war der letzte Uracher, der im Felde blieb.

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