DER BLAUE KASTEN: Das graue Band

REGINE LOTTERER 24.05.2013

In früheren Zeiten muss es eine Jahreszeit gegeben haben, die unter dem Namen Frühling bekannt war. Von deutschen Dichtern sind jedenfalls Verse überliefert, die jene Tage mit geradezu euphorischer Begeisterung rühmen. Ein blaues Band, schreibt etwa Eduard Mörike, entfalte der Lenz über Tal und Alb. Wie bitte? Das einzige Band, das sich seit Tagen am Himmel spannt, zeigt die Farbe grau, wenngleich sich zugegebener Maßen Nuancen erahnen lassen. In Metzingen beispielsweise sind gelegentlich blaue Einsprengsel zu entdecken, rund um Hülben bleibt die Farbe dagegen für gewöhnlich monochrom weißgrau und undurchdringlich, weswegen selbst ortskundige Autofahrer schon den Weg verloren haben: Statt auf die Promillesteige nach Dettingen abzubiegen irrten sie Richtung Dreispitz und fanden sich unerwartet in Neuffen wieder. Dort war dem Vernehmen nach das Wetter aber auch nicht besser als andernorts, obwohl sich die Kleinstadt seit kurzem mit dem Titel "Schwäbische Toskana" schmückt, gerade so, als vermöge schon allein der Name den Zauber südlicher Tage an den Fuß der Alb zu tragen. Die wackeren Römersteiner treibt derweil eine ganz andere Sorge um. Schon am Mittwoch meldete das frierende Böhringen magere vier Grad und äußerte die Befürchtung, der Frühling sei im Stande am Freitag kein blaues, sondern ein weißes Band über die Fluren und Auen des Ortes zu breiten. Jene, die sich von Berufs wegen mit dem Wetter befassen, raten derweil zur Gelassenheit. Auf Kälte und Regen folge Sonnenschein, das hätten schon die Ahnen gewusst. Doch wie sagt der Dichter: Die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Schließlich dräut schon das nächste Ungemach, das den Namen Schafskälte führt. Darüber weiß der Kollege ein Liedchen zu singen, weil er an einem Junitag vor vielen Jahren gen Donnstetten fuhr, begleitet von müden acht Grad und dem Wunsch, Besitzer einer Zobelmütze zu sein, um diese auf sein blankes Haupt setzen zu können. Gleichwohl hält ein Älbler eisern an einer seit Jahr und Tag geübten Tugend fest: Am 1. April schlüpft er seinen Frühlingsgefühlen freien Lauf lassend in T-Shirt und kurze Hose, am 1. November legt er dieses Gewand wieder ab. Bleibt zu hoffen, dass er sich in diesem Jahr nicht um wärmende Sonnenstrahlen betrogen sieht, denn Pessimisten verkünden seit Tagen beharrlich, der Sommer 2013 falle heuer auf einen Dienstag und zwar auf den 24. Dezember. Nur zur Erinnerung: An Heiligabend 2012 wurden in München 20,7 Grad Plus gemessen.

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