Bad Urach Denn sie wissen nicht, was sie erwartet Realschulabsolventen wechseln oft mangels Alternativen auf weiterführende Schule

PETER KIEDAISCH 10.11.2012
Aus Angst vor der Berufswelt entschließen sich offenbar viele Realschulabsolventen, an einer weiterführenden Schule ihr Glück zu suchen. Manche eher halbherzig als hochmotoviert. Oft scheitern sie.

Als der Realschullehrer Hartmut Raissle wegen eines wichtigen Termines am Nachmittag bereits morgens in Anzug und Krawatte zum Unterricht in seiner Klasse erschien, waren die Schüler regelrecht konsterniert. Die Jungen und Mädchen begegneten ihm reserviert und zurückhaltend. Und ganz bestimmt nicht deswegen, weil sie einen Trauerfall vermuteten. Der Lehrer kleidete sich nämlich in hellen, farbigen Zwirn. Also muss es etwas anderes gewesen sein, das sich wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihn und die Klasse schob. Eine Art Unbehagen, der Raissle im Laufe der vergangenen drei Jahre nach und nach auf den Grund gekommen ist. Dass Schüler Hemmungen haben vor den vermeintlichen Insignien gesellschaftlicher Macht, wie sie ein Anzug vor allem im Geschäftsleben nun mal vermitteln soll, hat freilich weitreichendere Folgen, wie Raissle jetzt anhand der Auswertung einer Umfrage selbst ermittelt hat: "Die haben Angst vor der Berufswelt." Die Folgen können im Einzelfall beträchtlich sein. So haben etwa lediglich 28 Prozent des Abschlussjahrgangs 2010 an der Geschwister-Scholl-Realschule eine Berufsausbildung angestrebt. Weit mehr als die Hälfte der Absolventen hatte vor, an eine weiterführende Schule zu wechseln. Einige scheiterten letztendlich am dafür notwendigen Notenschnitt. Für eine Lehre wars dann zumindest für jenes Jahr zu spät. Etwa 50 Prozent schafften zwar den Sprung, "aber die Erfahrung zeigt, manche hätten besser eine Ausbildung gemacht", sagt Raissle.

Das Phänomen, sich in der Schule gut aufgehoben zu fühlen, weil damit die Entscheidung für den Beruf vertagt werden kann, ist natürlich nicht neu. Und auch nicht jeder Realschüler scheitert auf dem Weg zum Abi, wie der Rektor des Graf-Eberhard-Gymnasiums, Friedemann Schlumberger, bestätigt. Es seien zwar nur wenige, die sich nach der Mittleren Reife für das allgemeinbildende Gymnasium entscheiden, die aber sind in der Regel später gute Abiturienten, weil sie zuvor auch gute Realschüler waren. Schwerer haben es jene, die mit schlechteren Noten an berufliche Gymnasien wechseln und dort glauben, im alten Trott weitermachen zu können.

Hartmut Raissle, der an der Geschwister-Scholl-Realschule für die Berufsorientierung seiner Schüler zuständig ist, hat einige Strategien entwickelt, um der Mentalität, sich auf der Schule vor dem Leben zu verstecken, entgegenzuwirken. Eine davon heißt Knigge. Von Außenstehenden mag es zunächst belächelt worden sein, dass Raissle mit Knigge-Seminaren seinen Schülern den letzten Schliff geben wollte, doch das gute Benehmen wirkt für die Schüler wie Schutzschild und Schwert gleichermaßen: Sie fühlen sich der Welt da draußen ein Stück ebenbürtiger. Was zur Folge hat, dass sie weniger Ehrfurcht haben vor Vorstellungsgesprächen oder anderen Kontakten mit der Berufswelt. Raissle nennt das im Pädagogendeutsch: emotional mehr Sicherheit geben.

Ob die Seminare etwas nutzen, zeigt sich am Schuljahresende, wenn Raissle seine Schüler zur Umfrage bezüglich ihres weiteren Werdegangs bittet, der erste Jahrgang, der einst einen Knigge-Kurs besuchte. Raissle vermutet, dass der Anteil jener steigt, die sich für eine Ausbildung entscheiden. Eine andere Umfrage unter Auszubildenden zahlreicher Betriebe aus der Region soll ihnen die Entscheidung erleichtern. 3500 Antworten hat Raissle dieser Tage ausgewertet, die Ergebnisse werden kommende Woche anlässlich eines Informationsabends für Eltern vorgestellt. In der Umfrage wurde auch nach der Zufriedenheit mit der derzeitigen beruflichen Situation gefragt. Offenbar zeigt sich, dass gerade die weiterführende Schule mehr von den Jugendlichen verlangt, als sie zuvor geahnt haben. So gab ein Drittel der Befragten an, im Vergleich zur Realschule sei das berufliche Gymnasium "viel anspruchsvoller". Von denen, die sich für eine Ausbildung entschieden haben, sagten nur etwa 17 Prozent, der Alltag sei nun schwerer zu bewältigen. Die Frage, ob das Wissen der Realschule zu Beginn des neuen Lebensabschnitts ausreichend war, beantworteten übrigens ein Drittel derer, die aufs Gymi wechselten, glasklar mit Nein. Das Fazit für Raissle heißt freilich nicht, "niemals aufs berufliche Gymnasium wechseln". Raissle hält auch diesen Weg für machbar, mit einer Einschränkung: Die Schüler müssen vorher wissen, worauf sie sich einlassen. Dann sind sie hinterher auch zufrieden.