Bad Urach/Reutlingen Den Philippinen so nah

Carmelita Letsch und Aritotel de Vera sind in Gedanken bei den Opfern des Taifuns. Foto: Peter Kiedaisch
Carmelita Letsch und Aritotel de Vera sind in Gedanken bei den Opfern des Taifuns. Foto: Peter Kiedaisch
Bad Urach/Reutlingen / PETER KIEDAISCH 16.11.2013
Das war kein Taifun. Der Wirbelsturm, der vor rund einer Woche den Süden der Philippinen verwüstete, war ein Supersuper-Taifun. Das sagen zwei Philippinos, die seit Jahren in der Region leben.

Von Stuttgart nach Manila ist man selbst in einem schnellen Jet lange unterwegs. Einen halben Tag dauert die Reise ans andere Ende der Welt. Viel schneller sind Nachrichten, die in der digitalen Welt in weniger als einer Sekunde an jedem Ort gleichzeitig aufschlagen. Vor rund einer Woche elektrisierte die Meldung von einem Taifun auf den Philippinen. Dann, nach weiteren Details, erschütterte sie die Welt. Inzwischen spricht man von 4600 Toten. Carmelita Letsch aus Bad Urach und Aristotel de Vera aus Reutlingen schauen ganz genau hin, wenn in den Fernsehnachrichten Bilder aus den Philippinen zu sehen sind. Es sind Bilder aus ihrem Heimatland. Sie fühlen sich in diesen Momenten dem Inselstaat im Pazifik so nah, als würden sie noch immer dort leben. "Das war kein Taifun", sagt Aristotel de Vera, "das war ein Supersuper-Taifun". Und das ist ein Unterschied. Mit Wirbelstürmen können die Philippinos umgehen. Carmelita Letsch, die seit 23 Jahren in Deutschland lebt, hat als kleines Kind selbst mal erlebt, wie es das Dach ihres Hauses weggerissen hat. "Erst flog das der Nachbarn", erinnert sie sich, "da habe ich noch gelacht." Dann flog ihr eigenes. Schlimm genug, aber solche überschaubaren, materiellen Schäden sind schnell behoben. Was vor einer Woche auf den Süden der Philippinen hereinbrach, "war aber wie eine Bombe", sagt Aristotel: "Einfach bumm, alles weg."

Aus der Ferne beschleicht alle beide das Gefühl, ihren Landsleuten helfen zu müssen, auch wenn ihre Verwandten selbst nicht betroffen sind. Carmelitas Leute wohnen in Tagaytay-City, das ist mit dem Bus 30 Minuten von Manila entfernt, wo Aristotels Familie lebt. Der Taifun namens "Haiyan" schlug allerdings viel weiter südlich zu, etwa acht Autostunden von Manila.

Was die beiden dieser Tage aber so plagt, ist die Gewissheit, dass dieser Sturm und die tsunamiartige Flutwelle so vielen Menschen das Leben gekostet hat. "Eltern, die ihre Kinder verloren haben", klagt Carmelita. Oder andersrum. "Das ist unsagbar traurig." Gerade jetzt, vor Weihnachten. Die Philippinos sind religiöse Menschen. 90 Prozent Christen, Katholiken wie die Spanier, die als Seefahrervolk den Glauben auf die Insel gebracht haben.

Carmelita selbst hat einen spanischen Ur-Ur-Urgroßvater, so jedenfalls haben es ihr als Kind die Eltern gesagt. Und sie hat einen spanischen Vornamen. Die Philippinos mögen Weihnachten. Auch den kitschigen Teil dieses Fests, deswegen stellen die Familien bereits im September ihre Christbäume auf. Die sind in der Regel aus Kunststoff oder Holz. Schnee, wie in all den schönen Hollywood-Filmen "haben wir nicht", sagt Carmelita, "aber weiße Watte." Kälter als 16 Grad wird es selten, allenfalls in den etwa 1400 Meter hohen Bergen fällt die Temperatur auf acht Grad. Dort, wo der Taifun gewütet hat, herrschen derzeit je nach Wetterlage aber 25 bis 30 Grad. Das sind ideale Bedingungen für Krankheitserreger aller Art, vor denen sich die Philippinos fürchten. Eine Seuche wäre jetzt verheerend warnt Aristotel: "Dort herrscht nur Chaos, es gibt keine Kommunikation." Deswegen befürchtet er, könne finanzielle Hilfe im Nichts versickern, zumal die Korruption im Land, wie beide versichern, eine schwere Bürde sei. Die Hilfe aus Deutschland loben sie. Aus ihrer neuen Heimat kommt nicht nur Geld, sondern auch tatkräftige Unterstützung. Ärzte beispielsweise sind bereits vor Ort: "Es tut gut, das zu sehen."

Die Dinge ändern sich, auch im einstigen Dorf Tagaytay, das inzwischen eine Großstadt ist. Wo früher Süßkartoffeln, Rettich, Tomaten, Blumen und Ananas angebaut wurden, haben vermögende Chinesen, Koreaner und Japaner Trabentensiedlungen für Reiche hingestellt. "So was wie Beverly Hills", erklärt Aristotel. Es gibt viele Reiche, die alles haben können in diesem Land. Haushälterin und Chauffeur inklusive. Aber es gibt viel mehr ganz Arme, die nichts haben. Die wollen nur Arbeit, von der sie leben können. "Egal was", Aristotel ist wie seine Landsleute nicht wählerisch: "Arbeit ist Arbeit." Notfalls verlässt man dafür auch seine Heimat und geht ins Ausland. Aber kein Land der Welt kann so weit weg sein, um sich in solchen Stunden der Heimat nicht ganz nah zu fühlen. "Wir müssen helfen", sagen beide und wissen doch nicht, wie sie das anstellen sollen.