Klassik Das Verborgene hörbar machen

Bad Urach / Susanne Eckstein 05.10.2018

Sieben Sänger präsentierten sich dem Publikum und ihrem Dozenten Siegfried Jerusalem. Die Meisterkurs-Teilnehmer kommen aus aller Welt: der Tenor Hisanori Muramoto und die Mezzosopranistin Noriko Kawamura aus Japan, der Bariton Hao Wang aus China, Irina Pipo (ebenfalls Mezzo) ursprünglich aus Kasachstan sowie die drei Sopranistinnen Anja Roth, Sarah Nagel und Paula Jeckstadt aus Deutschland, letztere sogar aus Bad Urach.

Wer einmal in die öffentlichen Meisterkurs-Proben hineingeschnuppert hat, weiß, was die Teilnehmer leisten müssen. Alle feilen intensiv am Text, alles ist Fremdsprache: ob nun Deutsch inklusive gefühlvoll-perfekter Aussprache und Lyrik-Verständnis, Opern-Italienisch oder Dichter-Französisch.

Den Grundstock bildet ohnehin die Singtechnik: Atem, Stütze, Stimmsitz, Vokalbildung et cetera, nicht zuletzt die Körpersprache. All dies greift ein in die Persönlichkeit und muss beim Singen zusammenwirken, um den Gehalt des Dargebotenen überzeugend zu vermitteln. Gefühl allein reicht nicht – es braucht geistige Arbeit, um die gewünschte Emotion oder Stimmung zu evozieren und zu vermitteln.

Im Mittelpunkt stand das deutsche und französische Kunstlied, ergänzt durch Arien von Mozart, Puccini und Wagner. Harte Arbeit, nicht zuletzt für den bekannten Wagner-Tenor Siegfried Jerusalem als Kursleiter, wenn man so will, als Coach.

Sie hat ihm, wie er selber sagte, unglaublichen Spaß gemacht. Vermutlich auch dem am Klavier assistierenden Henning Lucius, der schon seit Jahren dabei ist und sich alljährlich eine witzige Schlusspointe einfallen lässt. (Seine gedruckt-verteilte 2018er- Scherzkantate wurde danach von einer Zuhörerin im Restaurant rezitiert.)

Die Leistungen konnten sich erneut sehen beziehungsweise hören lassen, auch wenn die jungen Sänger verständlicherweise mit Lampenfieber aufs Podium stiegen. Offenbar hat Siegfried Jerusalem großen Wert auf Qualität in der Liedgestaltung gelegt: Alle Teilnehmer zeichneten sich durch korrekte, ausdrucksvolle Aussprache in mustergültiger Phrasierung aus, und es gelang ihnen, den untergründigen Gehalt der Texte hörbar zu machen.

Gerade den aus Asien stammenden Teilnehmern gebührt Bewunderung, neben Hisanori Muramoto vor allem dem Bariton Hao Wang, der trotz Erkältung einen überzeugenden Figaro gab. Noriko Kawamura hatte Lieder von Gustav Mahler gewählt, die sie in ihrer Ambivalenz zwischen Ironie und Emphase erstaunlich gut meisterte. Irina Pipo beeindruckte als kraftvolle und detailgenaue Wagner-Interpretin, Anja Roth scheint mit ihrer leichten, vibrierenden Stimme und ihrem darstellerischen Talent zum Soubrettenfach zu tendieren.

Die Sopran-Highlights kamen von Sarah Nagel und Paula Jeckstadt: Sie lieferten tiefgründig durchgearbeitete Interpretationen anspruchsvoller Kunstlieder und Sarah Nagel – als krönender Abschluss des offiziellen Programms – eine atemberaubende Koloraturarie von Mozart („Exsultate, jubilate“). Der inoffizielle Schluss des Konzerts fiel dann mit der Drachen-Kantate, viel Beifall und Freude umso gelöster aus.

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