Bad Urach Das Tier im Menschen

Die Aufführungen der Theater-AG des GEG überzeugten und regten zum Nachdenken an.
Die Aufführungen der Theater-AG des GEG überzeugten und regten zum Nachdenken an. © Foto: Kirsten Oechsner
Bad Urach / Kirsten Oechsner 20.07.2018

Aktueller als vermutet und kaum angestaubt, obwohl bereits 1793 entstanden: Johann Wolfgang von Goethes Fabel „Reineke Fuchs“ ist als eine spöttische und boshafte Kritik am höfischen Leben seiner Zeit geschrieben. Die zeitlose Quintessenz des Epos, in dem Tiere die Hauptrolle spielen: Wer lügt und betrügt, hintergeht und – neudeutsch – mobbt, kommt erfolgreich durchs Leben. Die Theater-AG des Graf-Eberhard-Gymnasiums hat in einer fulminanten Inszenierung herausgearbeitet, worauf sich damals wie heute gesellschaftlich-politischer Erfolg begründet: Auf Skrupellosigkeit und Ellenbogen-Mentalität, Gier, List und Provokation.

Altes Werk aufgepeppt

Da wundert’s kaum, dass der aktuelle Bezug deutlich sichtbar an die Bühnenwand projiziert wird: Bilder von Horst Seehofer und Angela Merkel, aber auch Helmut Kohl und die Echo-Skandalrapper „Kollegah“ und Farid tauchen auf. Hashtags fassen in kurzen Worten zusammen, was gerade passiert und auch im Text wird Bezug auf die Jetztzeit genommen: Regisseur Mathias Eicks hat mit seinem erfahrenen und über die Jahre hinweg eingespielten Ensemble ein altes Werk aufgepeppt, den Charakter der Fabel bewahrt und doch viele moderne, pfiffige Momente eingebaut.

Die Geschichte ist einfach erzählt: König Donald (Deniz Akdeniz) hat zu einem heiteren Fest eingeladen, an dem Reineke Fuchs nicht teilnimmt. Die Klagen der anderen Tiere häufen sich, sie beschweren sich über dessen viele Vergehen – er habe sie gequält und misshandelt, hintergangen und vorgeführt. Deswegen entsendet der König zunächst den Bären Braun (Paula Dax), um Reineke zu stellen – der fällt ihm zum Opfer.

Als Nächsten schickt der König den klugen Kater (Luise Kleih) – doch auch er kommt malträtiert wieder zurück. Dächsin Grimberta (Michelle Kammer) schafft es, ihn zum Hof zu locken und es kommt dazu, dass Reineke am Galgen steht – doch er redet sich regelrecht aus der Schlinge und tischt eine Lüge über einen kostbaren Schatz auf. Die Folge: Der König und seine Frau (Denise Huttelmaier) beißen an. Der Fuchs gibt sich – mit einem zwinkernden Auge gen Publikum – geläutert, will auf einer vermeintlichen Wallfahrt Buße tun und hinterlässt auch hier eine Spur des Mordens und der Intrige. Am Ende kommt es zum Showdown, der Fuchs gewinnt ebenfalls durch List einen Kampf gegen den Wolf Isegrim (Alexander Grassl), wird vom König rehabilitiert und sogar zum Kanzler ernannt. Das Fazit der Geschichte: Wer am meisten lügt und betrügt, gewinnt am Ende.

Auf den Punkt gebracht

Eine komplexe Geschichte, von der Theater-AG mit vielen überraschenden Elementen auf den Punkt gebracht. Die Inszenierung lebt vom dem Miteinander der Akteure und dem spürbaren gegenseitigen Verständnis der Ensemblemitglieder. Nur so konnte auch eine kurzfristige Veränderung kompensiert werden: Ann-Christin Schwerdtfeger hatte sich während der Hauptprobe verletzt und die Gruppe war zu einigen Umbesetzungen gezwungen in einem Stück, in dem fast jeder Schauspieler bereits mehrere Rollen innehat. Dennoch war die Verletzte, wenn auch motorisch etwas eingeschränkt, als Bokart der Biber mit auf der Bühne. Hervorragend die Leistungen aller engagiert spielenden Akteure, jeder Einzelne setzte in seinen Rollen Akzente – das gilt für Erzählerin Tamara Pascher ebenso wie für Lisa Müller, Nina Braunstein, Connie Strähle, Leonie Denzel und Melinda Peschut. Aus der grandiosen Ensembleistung hervorzuheben ist Nadine Bizu als Reineke Fuchs, die das Intrigante und Bösartige, die Hinterlistige und Arrogante hervorragend herausgearbeitet hat – sie hatte den Schalk im Nacken.

Kein erfolgreiches Schauspiel ohne die Helfer im Hintergrund: Fürs Bühnenbild waren Christine, Uwe und Sabrina Wenzel sowie Peter Waimer und Paula Dax verantwortlich sowie Carmen Bizu und Ellen Geml für Maske und Kostüme. Die Technik lag in der Verantwortung von Steffen Schwerdtfeger, Tim Knappe, Kolja Haas und Maxim Kerschbaumer.

Tradition geht weiter

Der Klassiker Goethe funktioniert auch heute noch, „Reineke Fuchs“ regte zum Nachdenken an. Das Ensemble wird es so aber nicht mehr geben, Regisseur Eicks muss den Abgang von sechs Schauspielerinnen verkraften. Doch mit der Theater-AG und der lang gepflegten Tradition geht’s weiter: „Da kommen Akteure nach“, sichert er zu.

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Aufführungen von „Reineke Fuchs“ absolvierte die Theater-AG des Graf-Eberhard-Gymnasiums. Mehrmonatige Proben gingen dem aufwendig inszenierten Stück voraus.

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