Uracher Stadtgeschichte(n) Das Glück gesucht, den Tod gefunden

Eine Uracher Auswandererfamilie auf dem Weg nach Ulm. Skizze (1804) von Modist Carl Ernst Gottfried Kuhn.
Eine Uracher Auswandererfamilie auf dem Weg nach Ulm. Skizze (1804) von Modist Carl Ernst Gottfried Kuhn. © Foto: Vorlage: privat
Walter Röhm 13.01.2018

Vor 200 Jahren berichtete der Uracher Oberamtmann Christoph Maximilian Schmidlin der Regierung in Stuttgart: Die Mehrzahl der Uracher Bürger ist arm. Die Stadt zählt fast keine reiche, wenig bemittelte, viele unbemittelte und sehr viele arme, bettelarme Bürger. Er schildert damit auch die miserable finanzielle Lage seiner Amtsstadt, die sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht verändert hatte.

Zu den ärmsten Bürgern der Stadt zählten die meisten der über 130 Weber, die in ihren feuchten Dunkeln an ihren Webstühlen saßen. Sie lebten mit Frau und meist großer Kinderschar in bitterster Armut, denn sie konnten ihre Erzeugnisse nicht mehr oder nur zu Schleuderpreisen verkaufen, seit die Privilegierte Uracher Leinwandhandlungs-Compagnie Ende 1792 ihre Tätigkeit eingestellt hatte und damit deren Abnahmeverpflichtung weggefallen war.

Um ihre Familien durchzubringen, mussten viele Weber ihre Häuser sowie nach und nach auch ihre entbehrliche Habe verkaufen und sind dann letztlich doch noch auf die Gant gekommen, heute würde man sagen, insolvent geworden. Dieses Schicksal traf auch anfangs des 19. Jahrhunderts die beiden Uracher Webermeister Matthäus Salzer und Johann Andreas Ehni. Um nicht auf die spärlichen Almosen ihrer Heimatstadt angewiesen zu sein, entschlossen sie sich wie viele ihrer Berufskollegen auch, auszuwandern, Arbeit und damit wirtschaftliche Sicherheit anderswo zu suchen.

In ihrer verzweifelten Lage schenkten sie den Einflüsterungen von Agenten des russischen Zaren Alexander I. Glauben, die beauftragt waren, insbesondere tüchtige Landwirte und geschickte Handwerker für die Besiedlung Südrusslands anzuwerben, vor allem für Podolien (heute: Westukraine und ein Teil von Moldawien), das bei einer Teilung Polens im Jahre 1793 an Russland gefallen war. Die Agenten, die für jeden Angeworbenen eine beachtliche Prämie kassierten, suchten ihre Opfer insbesondere in den Wirtschaften. Dort malten sie in den glühendsten Farben die Vorteile einer Auswanderung aus. Ein Zeitgenosse schildert, was sie in der Wirtschaft des Uracher Biersieders Schöll am Marktplatz den Anwesenden zur Weiterverbreitung in der Stadt über Podolien erzählten.

Stadt nur für Württemberger

Nach ihren Worten hat dort die Witwe des Zaren Paul I., die als Prinzessin Sophie Dorothee Auguste Luise von Württemberg geboren wurde und, als sie bei ihrer Verheiratung zum orthodoxen Glauben übertrat, den Namen Maria Feodorowna annahm, eine große Stadt erbauen lassen, in der zukünftig nur Württemberger leben sollten, weil diese „so brave, wackere und arbeitsame Leute seien“. Dort gäbe es auch genügend Arbeit. Zudem könne man vieles kostenlos bekommen. Kurz, Podolien wäre das wahre Schlaraffenland.

Der verlockenden Aussicht auf ein bequemeres und sichereres Leben in Wohlstand und Freiheit konnten sich über 10 000 Württemberger nicht entziehen. Auch die beiden Uracher Webermeister Matthäus Salzer und Johann Andreas Ehni ließen sich anwerben. Jeder für sich beschloss, mit seiner Familie auf eigene Faust nach Podolien auszuwandern. Die dazu nötige behördliche Erlaubnis bekamen sie, nachdem ihre sämtlichen Schulden durch den öffentlichen Verkauf ihrer Häuser abgedeckt waren. Damit konnten die beiden Auswanderungswilligen nun auch ihr Untertanenrecht im Kurfürstentum Württemberg und ihr Bürgerrecht in ihrer Heimatstadt Urach aufgeben.

Als erster machte sich im Herbst 1804 der Webermeister Matthäus Salzer mit Frau und fünf Kindern im Alter zwischen zwei und dreizehn Jahren auf den Weg. Webermeister Johann Andreas Ehni brach mit Frau und seinen vier Kindern im Sommer 1805 auf. Beide Familien wanderten zunächst zu Fuß mit ihrer ganzen Habe auf dem Rücken nach Ulm an der Donau, wo sich Auswanderungswillige aus allen Himmelsrichtungen trafen. Denn dort sollte die Schiffsreise donauabwärts beginnen. Aber die Plätze auf den Schiffen, den „Ulmer Schachteln“, waren begehrt und so mussten beide Familien noch wochenlang in Ulm ausharren, bis endlich die Reise in die neue Heimat begann.

Die „Ulmer Schachteln“ waren ungefähr 30 Meter lange hölzerne Einwegboote, die schon seit dem Mittelalter donauabwärts bis ins Schwarze Meer Waren, Passagiere und Truppen beförderten.

Verpestete Luft überall

Zum Transport der Auswanderer wurden die Schiffe mit höchst einfachen hölzernen Aufbauten versehen. Ein Augenzeuge berichtet 1804 über die Zustände auf einem solchen Schiff: „Den Zustand dieser Menschen auf den engen unbequemen Donauschiffen schildert keine Feder. Alle Räume voll Männer, Weiber und Kinder. Gesunde und Kranke, Wöchnerinnen, Neugeborene und Sterbende lagen hier durcheinander. Eine verpestete Luft war überall, selbst schon in der Nähe der Schiffe. Und Fluchen und Beten, Weinen und Lachen zerfleischte das Ohr.“

Die erste Station auf der Donaureise war die Kaiserstadt Wien. Wieder dauerte es viele entbehrungsreiche Tage, bis die Reise endlich weiterging. In Budapest gingen die Uracher Weberfamilien von Bord und schlossen sich anderen Auswanderern an. Ein wochenlanger, kräftezehrender Marsch über die Karpaten in das österreichische Kronland Galizien begann. Von dort aus sollte der Weg weiter ins nahe russische Podolien führen.

Weil man ihm Arbeit bei gutem Lohn in einer gerade im Bau befindlichen Weberei versprach, blieb Matthäus Ehni und seine Familie in Galizien. Bekannt ist nur, dass er seinem Vater noch einmal „kläglich“ schrieb. Man darf damit wohl vermuten, dass er zumindest zunächst keine besseren Verhältnisse antraf als er hinter sich gelassen hat. Seine Spur verliert sich dann.

Gebrochenes Versprechen

Johann Andreas Ehni zog mit seiner Familie weiter nach Podolien und traf dort aber nicht das ihm von den russischen Agenten versprochene Schlaraffenland an, sondern noch betrüblichere Verhältnisse als in seiner Heimat. Er schrieb an den Uracher Weberzunftmeister Belling, man habe ihm viel versprochen, aber nichts davon gehalten. Er lebe nun mit seiner Familie in einer „lausigen Hütte“, könne aber in diesem Land nicht bleiben. In seiner Verzweiflung versuchte er dann mit seiner Familie heimlich ins österreichische Galizien zu flüchten. Auf der Flucht aber wurde die Familie von Kosaken wieder eingefangen und jämmerlich verprügelt. Kurze Zeit später starb Johann Andreas Ehni. Seine Familie musste nach Podolien ins Elend zurück.

Erst im Jahre 1811 gelang es der Witwe Ehni mit den zwei ihr noch verbliebenen Kindern nach Urach zurückzukehren. Die Stadt musste die Kinder wieder aufnehmen, denn sie waren seinerzeit nicht aus dem württembergischen Staatsverband und auch nicht aus dem Bürgerrecht entlassen worden. Obwohl die Witwe Ehni die dafür fällige Taxe nicht bezahlen konnte, wurde letztlich auch sie wieder ins Untertanen- und Bürgerrecht aufgenommen.

Die Witwe Ehni und ihre beiden Kinder, die 23-jährige Maria Barbara und der 22-jährige Friedrich, waren forthin zunächst ganz auf städtische Almosen angewiesen. Die Tochter starb im August 1789 im Alter von 27 Jahren an den Spätfolgen der strapaziösen Aus- und Rückwanderung. Der Sohn Friedrich erlernt das Weberhandwerk, heiratet 1825 und kauft zwei Jahre später einen Teil des großelterlichen Hauses. Als er 1851 starb, hinterließ er nur Schulden. Das Glück war also auch später nicht auf der Seite der Familie des Webers Johann Andreas Ehni, die nach dem Tod seines Enkels im Jahre 1878 keine männlichen Nachkommen mehr hatte.

VHS-Kurs zum Thema Auswanderung

Auswanderung aus Urach und die Erforschung von Auswandererschicksalen sind auch die Themen eines Kurses der Volkshochschule. Zu den kostenlosen Kurs-Abenden sind alle Interessierten eingeladen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Der nächste Kursabend findet am Mittwoch, 24. Januar, 19.30 Uhr, im Bürgerhaus Schlossmühle statt.