Der Uracher Dekan Johann Jakob Erbe schreibt 1765 in das von seinem Amtsvorgänger Christoph Matthias Lang begonnene "Memorabilienbuch": "Besonders ist in diesem Jahr anmerklich, dass Serenissimus darinnen die uralte Festung Hohenurach abzubrechen und völlig eingehen zu lassen befohlen haben." Dass Serenissimus, Herzog Carl Eugen von Württemberg, so plötzlich den Abbruch der Landesfestung über seiner Amtsstadt Urach befiehlt, hängt mit dem Ausbau des Jagdschlosses Grafeneck zu einer fürstlichen barocken Sommerresidenz zusammen. Für dieses Bauvorhaben werden nämlich dringend Baumaterialien, vornehmlich Dachziegel, gesucht. Das erfährt auch der herzogliche Keller Johann Friedrich Zahn, der nicht nur für die Erhebung der Steuern und Abgaben, sondern auch für die Verwaltung und Unterhaltung des herrschaftlichen Grundvermögens im Uracher Amt zuständig ist und der gerne die Ausgaben für die Festung einsparen würde. Zahn meldet deshalb seinem Herrn umgehend, er könne die begehrten Ziegel und auch anderes Baumaterial sofort liefern, wenn ihm gestattet würde, die unnütze Festung Hohenurach abbrechen zu lassen.

Der herzogliche Abbruchbefehl kommt umgehend, für die Uracher zwar überraschend schnell, aber nicht unerwartet. Denn seit die Landesfestungen insbesondere durch die zunehmende Reichweite und Zerstörungskraft der Artillerie ihre strategische Bedeutung verloren haben, werden für deren bauliche Unterhaltung wenn überhaupt, dann nur noch wenige Gulden ausgegeben. Das gilt auch für den Hohenurach. Von dort hat man um Kosten einzusparen sogar die ohnehin bescheidene, aus rund einem Dutzend Guardiknechten bestehende Friedensbesatzung schon vor Jahren anderswohin versetzt. So hausen nur noch einige Kriegsinvaliden und ein Festungskommandant auf der Festung, die allerdings auch hin und wieder noch als Gefängnis für Steuersünder dient. Es ist also längst offensichtlich, dass der württembergische Herzog seine Landesfestung Hohenurach dem Verfall preisgibt, und dies rund 675 Jahre nachdem auf dem Schlossberg über der Stadt der Grundstein für die erste Burg gelegt wird.

Diese erste Burg wird von den Grafen von Urach erbaut. Wie von den meisten anderen mittelalterlichen Burgen auch, berichtet keine Urkunde wann mit dem Bau begonnen wird. Man nimmt aber heute an, dass die Grafen die Burg um 1090 erbauen lassen. Bestimmt dagegen weiß man, dass sie ihre Burg zusammen mit ihrer Grafschaft 1264 an die württembergischen Grafen verkaufen. Die Württemberger lassen die Adelsburg ab der Mitte des 14. Jahrhunderts verfallen. Dann aber lässt Graf Ludwig I. ab 1427 auf deren Grundmauern eine neue Burg erbauen, die sein Sohn Eberhard V. erweitert und verstärkt. Die Grundmauern und Verteidigungsanlagen, deren Reste wir heute noch sehen, stammen jedoch größtenteils von Baumaßnahmen, die später von Herzog Ulrich und seinem Sohn Christoph durchgeführt werden.

Denn Herzog Ulrich baut, nachdem er sein Land zurückerobert hat (1534), fünf Höhenburgen und zwei Städte zu Festungen aus. Er will so vor allem den Kern seines Landes, die Landeshauptstadt Stuttgart und den mittleren Neckarraum, schützen. Zum inneren Verteidigungsring gehört auch Hohenurach. Herzog Christoph setzt dann das Werk des Vaters fort und schließt die Ausbauarbeiten ab.

Die letzten umfangreichen Erneuerungs- und Erweiterungsarbeiten lassen in den Jahren 1663 bis 1669 und 1735 bis 1739 Herzog Eberhard III. beziehungsweise Herzog Karl Alexander durchführen. Bald danach verlieren aber die Festungsanlagen ihre militärische Bedeutung und werden auch als Gefängnisse nicht mehr benötigt. Man trachtet deshalb danach, auch noch die bescheidenen Personal- und Unterhaltungskosten einzusparen, und so kommt dem herzoglichen Keller Zahn die fürstliche Baumaterialanforderung gerade recht.

Bevor man aber mit den Abbrucharbeiten im Sommer 1765 beginnen kann, müssen noch die Bewohner des Hohenurach anderweitig untergebracht werden. Da die Zeit drängt, bringt die Herrschaft die Kriegsinvaliden in der Stadt auf ihre Kosten unter. Oberistwachtmeister Ludwig Heinrich von Schoenfeld, der Festungskommandant, aber zieht nach Dettingen, wo er sich ein Haus baut und seine letzten Lebensjahre verbringt.

Die Abbrucharbeiten schreiten schnell voran. Dachziegel und anderes Baumaterial werden eilends mit Pferde- und Ochsenfuhrwerken nach Grafeneck geschafft. Alles "Eisen-Werk", zum Beispiel eiserne Türen, Tore und Gitter, Öfen, Kessel, Kanonen kauft der Besitzer des Uracher Eisenhammers, der Kommerzienrat Friedrich Rheinwald auf. Er will es in seinem Betrieb an der Erms vor dem unteren Stadttor einschmelzen und zu Schmiedeeisen verarbeiten lassen.

Rheinwald übernimmt auch die scharfe Munition. Er legt diese zunächst in das fließende Wasser der Erms ein, weil er glaubt, das Pulver würde dadurch ausgeschwemmt oder zumindest durch die Nässe unschädlich gemacht. Als er dann aber nach einigen Jahren die Munition einschmelzen lässt, erlebt er eine unliebsame Überraschung. Die Bomben und Granaten gehen los, "zerschlagen und stürzen die Schmelzöfen ein, schlagen Wände, Fenster und eiserne Gitter aus". Dabei werden zwei Hammerschmiede schwer verletzt. So berichtet ein Augenzeuge des Unglücks und meint, dies wäre die göttliche Rache für den sinnlosen Abbruch der Festung.

Auch nach dem Ende der offiziellen Abbrucharbeiten brechen Uracher unberechtigt jahrzehntelang noch brauchbare Steine aus den Festungsmauern heraus und durchwühlen den Abbruchschutt nach behauenen Steinen. Die Akten berichten über so manchen "Steinemauser" der dabei erwischt wird. Aber auch die Herrschaft bedient sich immer wieder. So zuletzt 1815, als sie Baumaterial für den Bau eines Stallgebäudes beim Rutschenhof benötigt.

Zwischen 1860 und 1870 lässt Philipp Freiherr von Hügel, der Leiter des Uracher Forstamts, die von Gestrüpp eingewachsene und dadurch nahezu unzugängliche Festungsruine so herrichten, dass sie von Touristen gefahrlos besucht werden kann. Die Festungsruine wird nun zu einer der Attraktionen des aufstrebenden Luftkurorts Urach.

Die mehr als 900-jährige einstige hochmittelalterliche Burg der Grafen von Urach, die spätere württembergische Landesfestung Hohenurach, oder genauer gesagt, was nach dem Abbruch vor 250 Jahren von ihr übrig bleibt, prägt auch heute noch das Obere Ermstal und wird viel besucht. Leider wird sie seit Jahrzehnten vom Land als Eigentümer sehr stiefmütterlich behandelt. Umso bemerkenswerter sind die derzeitigen Bauarbeiten, die den weiteren Einsturz von Mauern verhindern, aber auch wieder einen gefahrlosen Zugang zur Festungsruine ermöglichen sollen.