Bad Urach Bundeswirtschaftsminister a.D. wird 75

Helmut Haussmann wird heute 75 Jahre alt.
Helmut Haussmann wird heute 75 Jahre alt. © Foto: Thomas Kiehl
Bad Urach / Von Peter Kiedaisch 18.05.2018

Der frühere Bundeswirtschaftsminister Prof. Dr. Helmut Haussmann arbeitet schon lange nicht mehr, vielleicht hat er das auch noch nie getan, jedenfalls nicht, wenn man ihm beim Wort nimmt. Auf seiner Homepage zitiert er nämlich den alten chinesischen Philosophen und Lehrmeister Konfuzius, der einmal gesagt hat, „Wenn Du liebst, was Du tust, wirst Du nie mehr in Deinem Leben arbeiten.“

Helmut Haussmann liebt seine Arbeit nicht nur, er lebt durch seine Arbeit. Heute wird der FDP-Politiker, der an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg-Erlangen angehenden Wirtschaftswissenschaftlern den Feinschliff gibt, 75 Jahre alt. „Ich führe aber kein Rentnerdasein“, sagt der Jubilar.

Nicht, so lange er der jungen Generation mit all seiner Erfahrung und Sozialkompetenz noch etwas zu bieten hat. Er könnte es sich leichter machen, zurücklehnen und auf die aufregende Zeit schauen.

Etwa auf den 9. November 1989, als er während eines Staatsempfangs in Polen mitten drin stand zwischen dem damaligen Kanzler Helmut Kohl und dem polnischen Staatspräsidenten General Jaruzelski. Als man Kohl zuflüsterte, dass die DDR momentan die Grenzen öffnet, konnte Haussmann in Kohls Mimik die historischen Ausmaße des vertraulichen Wortwechsels ablesen.

Vielleicht war der Mauerfall Haussmanns größte Stunde, zu der Zeit war er Bundeswirtschaftsminister und gerade mal 47 Jahre alt. Ein politischer Jungspund. Und irgendwie lässt ihn die Jugend nicht mehr los. Am Dienstag beispielsweise hat er mit seinen Tübinger Studenten kritisch über die Seidenstraße in China diskutiert. Das macht ihm Spaß, denn wieder ist er mitten drin. Die jungen Leute wollen keine alten Schinken hören, sagt er. Sie schätzen an ihm, die Dinge einordnen zu können.

Er war europapolitischer Sprecher der FDP, hat schon früh China als Wirtschaftsmacht aufkommen sehen und kennt den asiatischen Markt wie sonst nur sein Seeburger Tal, in das er sich an Wochenenden gerne zurückzieht. Früher zum Angeln, heute versucht er das zwar auch, aber ehe der Köder im Wasser ist, springt sein Retriever voller Freude in den Fluss, dann sind die Forellen freilich weg. Dennoch: „In meinem Alter tut mir ein Wochenende an der Erms einfach gut.“

Skeptischer wird er, wenn sein Blick auf Europa fällt. „Global gesehen, sind wir im Abstieg begriffen.“ Das mag damit zu tun haben, dass die Weltmächte USA, China und Russland präsidiale Systeme haben und mit einem politischen Verbund wie der EU wenig anfangen können: „So etwas kennen die gar nicht.“

Trump macht es für die EU eher schwieriger, sagt Haussmann, der sich wehmütig an den früheren US-Präsidenten George Bush Senior erinnert: „Für den war Europa noch wichtig. Das ist vorbei, das kommt auch nicht wieder.“ Die gute Nachricht für Europa heiße Emmanuel Macron. Ihn bezeichnet Haussmann als Glücksfall, „aber er beschleunigt das Ende Angela Merkels.“

Nach Ansicht des Polit- und Wirtschaftsexperten verliert die Bundeskanzlerin die Führung in Europa an den französischen Präsidenten. Das muss nicht schlimm sein, orakelt Haussmann. Schon Kohl habe ihm während seiner Zeit als Wirtschaftsminister geraten: „Wenn Sie etwas erreichen wollen mit dem Euro, geben Sie den Franzosen das Gefühl, es sei deren Idee gewesen.“

Zumal es immer diese Vorbehalte gegen ein Europa geben wird, das von einem Motor aus Deutschland angetrieben wird. „Mit der AfD wird das noch schlimmer“, sagt Haussmann, „wenn ich die Debatten höre über Kopftuchmädchen: Das ist schlimm.“

Macron selbst hat Haussmann noch nicht kennen gelernt. Aber einen seiner Berater kennt er gut. Henrik Enderlein. Er ist Politikwissenschaftler, Ökonom und Vizepräsident der Berliner Hertie School of Governance sowie der Sohn des früheren Tübinger FDP-Landtagsabgeordneten Hinrich Enderlein, zu dem Haussmann regen Kontakt hat.

So klein kann die Welt sein, und wenn man bedenkt, wie der frühere Uracher Stadtrat zwischen Politik und Wirtschaft (er sitzt in drei Aufsichtsräten) mäandert, wird klar, warum ihm seine Studenten Bestnoten geben. 2013 beispielsweise erhielt er den Lehrpreis der Eberhard-Karls-Universität Tübingen im Bereich „International Business“.

„Leute“, sagt er zu seinen Studenten, die seiner Meinung nach zu viel typisches Fachwissen pauken müssen, weil sie für große Unternehmen ausgebildet werden. Seine Kurse sind da anders, unique, wie er sagt: „Leute, ich mache Euch fit für Familienunternehmen und regionale Konzerne.“ Deswegen sind seine Studenten aufgeschlossen für gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Jaruzelskis kann es immer wieder geben. Gut, wer innerlich darauf vorbereitet ist. Oder wie es Konfuzius gesagt hätte: „Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“

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