Dettingen an der Erms Brillant bis in die höchsten Töne

Verdi-Oper, Volkslied, geistliche Musik: Der Reutlinger Knabenchor capella vocalis unter Pultchef Christian Bonath gastierte in Dettingen.
Verdi-Oper, Volkslied, geistliche Musik: Der Reutlinger Knabenchor capella vocalis unter Pultchef Christian Bonath gastierte in Dettingen. © Foto: Wieland Lehmann
Dettingen an der Erms / WIELAND LEHMANN 27.10.2015
Mit einem Auftritt des Knabenchors capella vocalis begann die Veranstaltungsreihe zur Ermstäler Kulturbrücke, die seit fünf Jahren besteht. Was das Publikum zu hören bekam, war musikalischer Genuss.

Er ist nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit bekannt, der Knabenchor capella vocalis, der seinen Sitz in Reutlingen hat. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen konnte er entgegennehmen. Doch man muss ihn gehört haben um zu erleben, welcher stimmliche, gefühl- und ausdrucksvolle Reichtum in diesem Chor steckt. Das "Hauptgeschäft des Chores ist die geistliche Musik", sagte Chorleiter Christian J. Bonath.

So war auch der erste Teil des Konzerts diesem musikalischen Bereich verbunden. Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn Bartholdy bildeten den kompositorischen Programmteil. Bereits bei Bachs "Jesu bleibet meine Freude" aus der Kantate "Herz und Mund" öffnete sich der ganze Reiz geistlichen Inhalts und der stimmlichen Ausdrucksfähigkeit. Da waren, wie auch bei "Lobet den Herren, alle Heiden" und "Der Geist hilft unserer Schwachheit auf" Lob und Hoffnung durch die Stimmen der Chormitglieder klar zu hören. Und da erklingt das "Halleluja" als Aufmunterung und Aufforderung.

Die Chorsänger bewältigen nicht nur ihre regelmäßigen Chorproben, sondern haben auch alle einzeln Gesangsunterricht. Da bildet sich schon mal ein besonderes sängerisches Talent heraus. Mit Händels Arie "Singe meine Seele" bot der Knabensopran Jan Jerlitschka einen solchen jugendlichen Ausnahmesänger. Klar und verständlich, eindringlich und gefühlsbetont interpretierte er die seelische Bedrängung und Freude.

Hier wurde einmal mehr deutlich, dass die Mitgliedschaft in einem solchen Chor nicht nur ausdrucksvollen Gesang erfordert, sondern auch ein Eintauchen in die Interpretation musikalischer Meisterwerke.

Mit Mozarts "Ave verum", eine Motette zu acht Stimmen (Kenner wissen um die gesangliche Schwierigkeit von Motetten) in lateinischer Sprache, bot der Chor ein eindrucksvolles Gebet zum Erlösungsleiden Christis. Und bei Barholdys Hymne "Hör mein Bitten", bei dem Jan Jerlitschka den Solopart sang, waren der dringende Ruf, die Bitte erfahrbar, die schließlich zum Ziel, der "Ruhe am schattigen Ort" führten.

Der zweite Konzertteil war anders gelagert. Bereits mit dem "Brautchor" aus Richard Wagners Oper "Lohengrin" versetzte der Chor in einen weltlichen Bereich, in dem Liebe, Träume, Erfüllung im menschlichen Leben immer präsent waren und sind.

Und wenn es im Brautchor heißt "treulich geführt", so führte der Chor ausdrucksstark nicht nur durch musikalische Bühnenwerke, sondern auch in den Volksliedbereich.

Jan Jerlitschka bot mit "Ombra mei fu" von Händel und "Quando ti revedro" von Stefano Donaudy zwei außerordentlich anspruchsvolle Soli, die seine ganze stimmliche Brillanz bis in die höchsten Töne auswiesen. Zwei weitere Solostimmen gesellten sich zu ihm: Till Krupop und Lukas Storz forderten als die "Drei Knaben" aus Mozarts "Zauberflöte" den Pamino zur Standhaftigkeit und Duldsamkeit auf; den "Abendsegen" aus Humperdincks "Hänsel und Gretel" gestalteten sängerisch Jan Jerlitschka und Lukas Storz. Ja, wo einst meist nur Frauen den Bühnenpart sangen, da steht die Stimmhöhe von Knaben dem keinesfalls nach.

Mit den Liedern "Wenn alle Brünnlein fließen", "Ännchen von Tharau" und "Sah ein Knab ein Röslein stehn" bewies der Chor, welche gestalterische Kraft ihnen inne zu wohnen vermag.

Junge Knaben und dann der "Gefangenenchor" aus Verdis "Nabucco"? Man sollte es nicht glauben, die Qual der Sehnsucht und die Hoffnung zum Licht brachten die Sänger wirkungsvoll zum Ausdruck. Die Zurücknahme und dann wieder Steigerung des Gesangs ließen auf die Qualität der Chorarbeit von Christian J. Bonath deutlich schließen.

Mit "Der Herr ist mein Hirte" bedankte sich der Chor als Zugabe beim Publikum für den anerkennenden und herzlichen Beifall.

Bei einigen Stücken nahmen die jüngsten Chorknaben im Publikum Platz, doch wenn sie im Chor mitwirkten waren sie durchaus auch deutlich zu hören. Eberhard Becker begleitete den Chor im ersten Programmteil an der kleinen Orgel. Holger Spegg war am Flügel ein einfühlsamer Begleiter im zweiten Teil.

Info Wer dieses Konzert verpasst hat, dem sei das Weihnachtsoratorium von Bach ans Herz gelegt, das capella vocalis und die Württembergische Philharmonie Reutlingen am 26. Dezember, 17 Uhr, in der Reutlinger Stadthalle zu Gehör bringen.

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