Klassik Barfuß aus dem Dunkel: Ein neues Theater der Klänge

Bad Urach / Susanne Eckstein 04.10.2018

Das ist wirklich neu. Ein Orchester, das nicht auf Stühlen vor Notenpulten sitzt, sondern sich bunt gewandet frei bewegt, das heißt ohne Noten musizierend schwingt, wandelt, tanzt – das Projekt #freebrahms, befreit in erster Linie die Orchestermusiker von Stuhl und Notenpult. Beim „Stegreiforchester Berlin“ handelt es sich um eine Projektgruppe von jungen Musikern aus verschiedenen Regionen und Musikbereichen.

Die Ankündigung versprach die Befreiung der Heiligen und völlig neue Herangehensweisen an die Werke (in diesem Fall die 3. Sinfonie von Johannes Brahms), ihre Modernität werde auf neue Weise greifbar. Auch wenn die Bezeichnung „Stegreif“ Spontanität suggeriert, beruht die musikalisch-szenische Aktion doch weitgehend auf (auswendig gelernten?) Noten: Hier auf einer Rekomposition von Wolf Kerschek (Leiter des Fachbereichs Jazz an der Musikhochschule Hamburg), arrangiert von dem Posaunisten Alistair Duncan.

Rekompositionen sind seit Berios „Rendering“ (1990) zunehmend in Mode gekommen; dabei werden Teile bekannter Werke in eine neu komponierte Umgebung eingefügt. Die letztere bestand in diesem Fall aus einem bunten Cross-over verschiedener Stile und Besetzungen, teils angelehnt an Brahms’sche Motive: Neue Musik, Jazz, Klezmer, Rock, unterstützt durch reichlich Schlagwerk, in wechselnden Solo- und Ensemble-Passagen. Übergänge waren als Klangflächen angelegt.

Die Bewegung war im Grunde genauso wenig spontan wie die Musik; die Choreographie stammt von Ela Baumann. Doch sie wirkte überzeugend: Zu sanft gesummten Harmonien treten die jungen Leute barfuß mit ihren Instrumenten aus dem Dunkel, sie wiegen sich zur Musik, Geiger bilden eine Art musizierendes Ballett vor der Bühne (die sich in Stufen nach unten öffnet), die Akteure gruppieren sich immer wieder neu, teils auch unten im Saal, beim Publikum, das hier übrigens traditionell in engen Reihen saß.

Sie schwingen, wandern, knien nieder, spielen quasi auf dem Boden; von fern klingt ein Klarinettensolo, Orient geht über in Brahms, das Ensemble stimmt ein. Eine Jazz-Combo übernimmt die Führung, Rauchschwaden ziehen auf, die Mitspieler exerzieren als mechanische Figuren und produzieren Kratzgeräusche. Der letzte Abschnitt bringt eine expressive Solo-Tanzeinlage, Brahms’ Thema beginnt zu rocken, Latino-Rhythmen kommen auf, die Mitwirkenden holen Zuschauer zum Samba, der Klarinettist lässt Motive nachsingen.

Die Leistung der Mitwirkenden war phänomenal. Ohne sichtbaren Leiter zelebrierten sie eineinviertel Stunden lang die szenische Komposition unter Einsatz großen Könnens, halb Musiker, halb Tänzer: Sie wurden hier viel mehr als körperliche Individuen wahrgenommen als im Orchesterverbund, und sie brachten „ihre“ Musik zum Ausdruck.

Es ging allerdings nicht darum, Brahms’ 3. Sinfonie in Gänze neu zu hören. Dazu braucht es die Originalpartitur, Orchester und Dirigent, Informationen und Konzentration. Daraus kann unter Umständen eine Neubegegnung mit dem Werk entstehen. Vielleicht regen solche Aufführungen dazu an?

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