Bad Urach Bad Urach sucht den Dichter des Jahres

Bad Urach / PETER KIEDAISCH 27.11.2013
Die alte Oberamtsstadt urach muss mancher geschundenen Seele Labsal gewesen sein.
Eduard Mörike verewigte die einstige Grafenstadt, Johannes R. Becher, Gustav Schwab und andere Literaten mehr: Alle waren sie von diesem Ort begeistert und widmeten dieser von Naturschönheiten, Ruinen und dem Wasserfall umrankten Stadt eines oder mehrere Gedichte.

Einige von denen können Wanderer nachlesen auf dem am vergangenen Maifeiertag eingeweihten  Poesieweg . An 20 Stationen sind 19 Gedichte nachzulesen, eine der Stelen aber hat der Initiator dieser Poesie am Weg, Kulturreferent Thomas Braun, damals bewusst freigelassen. Es ist die Station mit der Nummer 5, sie liegt zwischen Gustav Schwabs „Die Schwabenalb“ und Johannes R. Bechers „Vertraute Gegend“ an einem Waldweg am Fuße des Schlossbergs etwa 50 Höhenmeter über der Hochhauskreuzung. Die B 28 ist von da oben noch gut zu hören, verliert aber bereits, gedämpft durchs inzwischen schon kahle Geäst der Bäume deutlich an Schrecken. Diese fünfte Stele ist noch blankes Holz. Erst am nächsten Maifeiertag wird sie eine dieser blaugefärbten Tafeln mit der stilisierten, weißen Schreibfeder zieren. Das dazugehörende Gedicht indes wird noch gesucht. Thomas Braun und seine Mitstreiter (Stadtbüchereileiterin Silke Schönherr und Heidemarie Pfeiffenberger, mit der Thomas Braun das inzwischen vergriffene Büchlein „Urach – Ein Gedicht“ herausgebracht hat) haben deswegen einen Wettbewerb ausgelobt, an dem sich Hobby- oder Berufspoeten ab 14 Jahren beteiligen können. Die einzigen Voraussetzungen: Das Gedicht muss selbst verfasst sein, Urach thematisieren und in schriftlicher Form eingereicht werden. E-Mails möchte Thomas Braun nicht, Papier, ob von Hand beschrieben oder maschinell bedruckt, ist authentischer, sagt der Kulturreferent. Bis 28. Februar können die Dichter, die selbst nicht aus Bad Urach kommen müssen, ihre Werke einreichen. Die Frist beginnt am 1. Dezember. Eine Jury (bestehend aus Dr. Wolfgang Schöllkopf, Wilhelm Zimmermann, Emanuel K. Schürer und Ingeborg Naegelsbach) ermittelt dann das Urachgedicht des Jahres, dessen Autor einen Preis erhält. „Eine Traumreise in die Karibik wird’s nicht sein“, wie Thomas Braun all zu hohe Erwartungen ans Budget des Kulturreferats der Stadt eindämmt. „Aber mit Literatur wird es etwas zu tun haben.“

Gleichwohl ist „Urachs Dichter des Jahres“ zu sein, ein Amt auf Zeit. Diese fünfte Station wird nämlich an jedem Maifaiertag ein neues Gedicht erhalten, ebenso wie für den Poesieweg jedes Jahr ein neuer Urachdichter gesucht wird. Vermutlich so lange, bis über Urach wirklich alles gesagt und geschrieben ist oder, wer eine profanere Sicht der Dinge bevorzugt, bis die Instandhaltung sämtlicher 20 Poesie-Stelen im städtischen Haushalt unter einem roten Strich verschwindet. „Es soll ein niederschwelliges Angebot sein“, muntert Thomas Braun auf. Niemand möge sich genieren, niemand werde blamiert, verspricht er, den die Wertschätzung, die dem Poesieweg seit seiner Einweihung im Mai zuteil wurde, „wirklich überrascht.“ Das ist auch an der Nachfrage des Flyers „Poesie am Weg“ ablesbar, dieser ist in der Stadtbücherei, im Kulturreferat, in der Buchhandlung und im Kurgebiet erhältlich, allerdings noch nicht am Poesieweg selbst. Übrigens hat Thomas Braun bereits einige Gedichte erhalten. Kurz nachdem er während der Einweihungsbegehung des Weges die Idee vom Urachgedicht des Jahres kundtat. Diese Gedichte, sagt Braun, „werden selbstverständlich berücksichtigt“. „Also“, rät Thomas Braun: An die Natur im herrlichen Mai in Urach denken und die Eindrücke niederschreiben. Das müsse sich auch nicht reimen. Und wem jetzt noch nichts einfällt, „der muss halt mal einen Sonntag lang nach Bad Urach kommen und sich inspirieren lassen.“ Das macht die Feder schön geschmeidig.
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