Der tägliche Stau auf der B 28 ist im Ermstal mittlerweile sprichwörtlich. Vor allem rund um die Kurstadt steckt der Verkehr fest, ein Thema, das die Parteien nicht zuletzt im Kommunalwahlkampf 2014 beschäftigte. In den Gemeinderat strebte im vergangenen Jahr auch Frieder Zürcher, der auf der Liste der Grünen antrat. In seiner Partei ist er Spezialist für das Thema Mobilitätsmanagement. Dieses nehme keinesfalls nur den Straßenverkehr in den Blick, betont Zürcher. Stattdessen setze es bereits dort an, wo Verkehr entsteht mit dem Ziel, diesen zu verringern und damit auch die langfristigen Folgen für Gesundheit oder Umwelt zu minimieren. Geschehen kann das mit Hilfe verschiedener Instrumente, die die Verträglichkeit des Verkehrs erhöhen und gleichzeitig den Ausbaubedarf für die Infrastruktur, also auch für Straßen, reduzieren.

Eines dieser Instrumente können Konzepte für den Pendlerverkehr sein, wie etwa Fahrgemeinschaften. Diese Idee zeitige dann Erfolge, wenn sie von einer kommunalen Verwaltung unterstützt wird, betont Zürcher. Er selbst nutzt seit einiger Zeit das Mitfahrnetzwerk Flinc, das vermittels einer App funktioniert. Vor knapp einem Jahr präsentierte sich Flinc im Historischen Sitzungssaal des Bad Uracher Rathauses. Tenor seinerzeit: Bevor die Städte und Gemeinden der Region das Netzwerk unterstützen, müsse abgeklärt werden, ob das Angebot als Konkurrenz zu Bus und Bahn zu werten ist.

Das, sagt Zürcher, ist in der Zwischenzeit geschehen, der Kreis verneint die Konkurrenz, und hat das Netzwerk inzwischen sogar in seinen Maßnahmenplan aufgenommen, den er im Rahmen des European Energy Awards (EEA) erstellte. Hinter EEA verbirgt sich ein Qualitätsmanagementsystem und Zertifizierungsverfahren, das Kommunen in Deutschland und Europa auf dem Weg zu mehr Energieeffizienz unterstützt. Auch der Landkreis unterzog sich dem Verfahren und ist zwischenzeitlich zertifiziert. Dass Flinc nun in den Maßnahmenkatalog Aufnahme fand, sagt Frieder Zürcher, "gibt uns Rückenwind". Schließlich drückt der Kreis damit seinen Willen aus, die Einführung des Netzwerkes zu unterstützen.

Flinc, erklärt Zürcher, gehört inzwischen zu den Marktführern im Bereich Mitfahrnetzwerk. Das mag ein Grund dafür sein, dass das Metzinger Modeunternehmen Hugo Boss die Firma entdeckte und zwar "mit zunehmendem Erfolg", wie Zürcher sagt. Denn das Prinzip ist einfach: Über eine App meldet der Interessent entweder seinen Wunsch nach einer Mitfahrgelegenheit an oder er stellt sich als Chauffeur zur Verfügung.

Etwa zehn bis 20 Prozent der Autofahrer lassen sich nach bisherigen Erfahrungen vom Mitfahrgedanken überzeugen und steigen auf dieses Mobilitätskonzept um. Dadurch, sagt Zürcher, werde nicht nur die Straße entlastet, auch die Luft- und Lebensqualität verbessere sich.

Die Bad Uracher Grünen hoffen deshalb, ihre Heimatstadt möge in Sachen Flinc eine Vorreiterrolle übernehmen. Im Rahmen der Etatberatungen stellte die Gemeinderatsfraktion den Antrag, 6000 Euro in ein Flinc-Regionalpaket zu investieren. Dieses wäre individuell auf Bad Urach zugeschnitten und enthielte beispielsweise einen Auftritt Bad Urachs auf der Internetseite von Flinc, Flyer oder Werbeplakate, die an den Ortseingängen stünden. "Unser Wunsch ist natürlich, das gesamte Ermstal mit einzubeziehen", sagt Zürcher, denn auch außerhalb der Kurstadt sitzen große Unternehmen, die die Initiatoren für Flinc begeistern möchten.

Sollte der Bad Uracher Gemeinderat die 6000 Euro freigeben, kann Flinc noch im ersten Quartal 2015 an den Start gehen. Mit einer einmaligen Aktion sei es indessen nicht getan, betont Zürcher. Nur wer stetig für die Mitfahrmöglichkeit werbe, könne langfristig Erfolge verbuchen.

Die Flinc AG und die Modellregionen

Die Flinc AG hat ihren Firmensitz in Ludwigshafen. Sie ist einer der Marktführer in Sachen Fahrgemeinschaften. Wer den Service, der seit 2010 besteht, nutzen möchte, kann eine Flinc-App installieren. Nach eigenen Angaben hat das Netzwerk derzeit rund 200 000 Mitglieder. Die Funktion ist einfach: Fahrer und Mitfahrer tragen ihrer Strecke und ihr Ziel ein. Flinc findet dann automatisch Fahrer und Mitfahrer, die via Chat oder Telefon zusammenfinden. Vermittlungsgebühren verlangt Flinc nicht.

St. Georgen im Schwarzwald und Althütte gelten in Sachen Mobilität als Modellregionen. In St. Georgen schlossen sich drei Unternehmen, die Stadt und die Bürger zu einem Mitfahrnetzwerk zusammen. Nach nur vier Monaten nutzten Flinc schon mehr als 500 Pendler. Althütte gründete einen Gemeindeverbund, 14 Kommunen setzen auf die gleiche Mitfahrzentrale. Dafür erhielten sie Geld aus dem europäischen Förderprogramm "Leader".

Zum Thema "Mobilität" will unsere Zeitung noch einige Aspekte beleuchten. Der nächste Artikel befasst sich mit dem Jobticket.

SWP