Bad Urach Anleihen aus dem Kirchenbau

Bad Urach / PETER KIEDAISCH 09.11.2013
Heute sehen Dorfgemeinschaftshäuser anders aus als die inzwischen 100 Jahre alte Turn- und Festhalle. Sie sind kälter, funktionaler, nüchterner. Ihnen fehlt der Charme eines solchen alten Tuffsteingebäudes.

Albert Vatter, 1897 bis 1919 Urachs Stadtbaumeister, hat ganze Arbeit geleistet: Seine Turn- und Festhalle steht auch 100 Jahre nach ihrer Fertigstellung felsenfest. Ab und zu musste renoviert werden, neue Dachziegel brauchte es im Laufe des zurückliegenden Jahrhunderts, aber "es gibt keinerlei Bauschäden", schwärmt Bad Urachs Kulturreferent Thomas Braun von dieser Konstruktion ohne Schwachstellen. Darin, so Braun, zeige sich, welch guter Baumeister Albert Vatter war, der in technischen Dingen durchaus beseelt war von einer gewissen Fortschrittsgläubigkeit. Damit beispielsweise der durch die vorbeifließende Elsach hohe Grundwasserspiegel keine Nässe ins Gebäude drückt, hat Albert Vatter die Halle auf einer Betonwanne errichtet. "Das hält bis heute", sagt Thomas Braun. Einzig die Betonkonstruktion im Untergeschoss wurde in den 1980er Jahren vorsorglich verstärkt. Dem alten Stadtbaumeister darf dies nachgesehen werden, schließlich lagen zu seiner Zeit noch keine Erfahrungswerte im Betonbau vor.

Auch architektonisch betrat Albert Vatter neue Wege. So etwas wie Gemeinschaftshallen gab es damals noch nicht. Die einzigen Großversammlungsräume waren Kirchen, wie Thomas Braun als studierter Kunsthistoriker weiß. Und genau deswegen erinnert die Uracher Turn- und Festhalle mit ihren Seitenemporen, ihrer Axialität, dem zentralen Portal und dem kleinen Türmchen an einen sakralen Bau. Dabei dient der Turm ganz nebenbei einem rein weltlichen Anliegen: Warme Luft aus der Halle strömt an den Außenwänden entlang in den Dachstuhl und wird dort in den Turm geführt, dessen Kaminzug eine geniale und einfache Art darstellt, verbrauchte Luft nach draußen zu leiten. Freilich um den Preis, in der Halle steter Zugluft ausgesetzt zu sein, die insbesondere bei zwei gleichzeitig geöffneten Türen eine unangenehme Frische in die Gesichter der Festhallengäste bläst. Das mögen Sportler noch als angenehm empfunden haben, doch schon vor Jahren wurde letztmals geturnt. Heute heißt das aus Seeburger Tuffstein gebaute Gebäude nur noch "Festhalle".

Eigentlich wollte Vatter seinerseits ganz woanders bauen. Ihm behagte das Areal des heutigen Grünen Herzens, das zu jener Zeit der städtische Auffüllplatz war. Und er wollte auch nicht nur eine Turn- und Festhalle errichten. Der Stadtbaumeister hatte Größeres im Sinn. Ins Untergeschoss wollte er ein Hallenbad und eine städtische Dampfwäscherei integrieren.

Am Ende setzte sich Stadtschultheiß Eberle durch, der den heutigen Platz im Turngarten favorisierte. Das lag nahe, weil sich dort die ersten Uracher Turner für ihre Leibesübungen im Freien trafen. Vermutlich war die Hallenbad-Variante den damaligen Stadtvätern schlicht und einfach zu teuer. "Übers Ziel hinaus geschossen", wie Kulturreferent Braun mutmaßt.

Wer zur damaligen Zeit ein solches Projekt zu planen hatte, musste nicht nur den Gemeinderat überzeugen. In wichtigen Angelegenheiten war auch ein Bürgerausschuss anzuhören. Und als seien zwei politische Gremien nicht schon Hürde genug, waren sich beide Lager oft auch nicht grün. Sie haben gerne die Entscheidung des jeweils anderen angezweifelt. Alles Kompetenzgerangel hat der Festhalle indes ebenso wenig geschadet wie einige kleinere Erdbeben (1941 und 1878) sowie der Staub eines ganzen Jahrhunderts, das immerhin zwei Weltkriege sah.

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